Kult-Sendung „The Joy of Painting“: Bob Ross - Der erste Youtube-Star

Kult-Sendung „The Joy of Painting“ : Bob Ross - Der erste Youtube-Star

Vor 25 Jahren lief die 403. und letzte Folge des TV-Malkurses „The Joy of Painting“ mit Bob Ross. Heute ist der Ex-Berufssoldat mit dem Hippie-Image populärer als je zuvor – dem Erfolgsrezept der heutigen Youtube-Stars sei Dank.

Es ist, als trüge ein McDonald’s einen Michelin-Stern: Seit wenigen Tagen hängen Bilder von Bob Ross in einem echten Museum. Das ist ein solcher Tabubruch, dass Julie Rodrigues Widholm, die Direktorin des DePaul Art Museum in Chicago, fast flehentlich bittet: „Vergessen Sie Ihre Vorurteile und versuchen Sie, ihn als Künstler zu sehen!“ Amerikanische Durchschnittsbürger würden ihn schließlich in einem Atemzug nennen mit Van Gogh und Picasso. Zudem stehe Ross für einen Richtungswechsel in der Nachkriegsmalerei, für die Demokratisierung der Kunst im Geiste Joseph Beuys’ ohnehin. So ziemlich allen anderen Kunstexperten indes kommt bei Ross’ hyperromantischen Ölgemälden nur ein Begriff in den Kopf: Kitsch.

Die bonbonbunten Bilder sind das exakte Gegenteil von L’art pour l’art – sie dienen als Katalysator für eine gewaltige Marketingmaschine: Die Firma Bob Ross Inc. zertifiziert bis heute Bob-Ross-Mallehrer, die wiederum Menschen motivieren, mit Bob-Ross-Ölfarben und Bob-Ross-Pinseln Bob-Ross-Motive auf Bob-Ross-Leinwände zu malen. Und eine Wiederholung seiner Fernsehsendung (1983-1994) läuft irgendwo immer, international auch bei Netflix.

Mit 403 halbstündigen Folgen „The Joy of Painting“, gedreht in seinem eigenen Keller, hat Robert Norman Ross ein skurriles Stück Fernsehgeschichte geschrieben. In irrwitziger Geschwindigkeit zaubert er mit obskuren Spachteln und groben Pinseln fein detaillierte Gletscherseen, Wasserfälle und Nordlichter auf die Leinwand, während er in Buddha-artigem, unnachahmlichem Plauderton von „happy little trees“ erzählt, die er nie allein anordnet, denn schließlich brauche jeder einen Freund. Sein Mantra: „Uns können keine Fehler passieren!“ – sondern höchstens klitzekleine Missgeschicke, die sich schnell übermalen lassen.

Es gab ein Leben vor dem Afro: Bob Ross als Soldat der US-Luftwaffe (undatiert). Foto: VA/Foto: Department of Veterans Affairs

Jeden Konflikt lächelt Ross weg: „Viele Leute schreiben: ‚Bob, ich habe die Berge satt!‘. Genau so viele bitten mich: ‚Mal mehr Berge!‘. Mein Vorschlag: Wenn du in deinem Bild keinen Berg haben willst, lass den kleinen Schlingel doch einfach weg.“ Selbst die altehrwürdige FAZ konnte sich diesem Reiz nicht entziehen. Fazit: „Man versinkt in einen Mantel aus Glückseligkeit“.

Dabei hat Bob Ross die Staffelei nicht neu erfunden: Vor ihm malte im US-Fernsehen ein Deutscher Ölbilder und plauderte dabei über „fröhliche Bäumchen“ und „fluffige Wölkchen“. William „Bill“ Alexander, 1915 in Ostpreußen geboren, schlug sich als fahrender Maler durch, bevor er er sich die Sendung „The Magic of Oil Painting“ erkämpfte, für die er sogar einen Emmy gewann. Zum Popstar jedoch taugte der energische Mann mit dem schweren deutschen Akzent nicht – und so ersetzte Bob Ross seinen Lehrer. Den verbitterte das: „Ich habe ihn ausgebildet, und er kopiert mich“, sagte Alexander 1991. „Daran stört mich nicht nur, dass er mich verraten hat, sondern auch, dass er denkt, er könne es besser!“

Tatsächlich stammt die „Nass-in-Nass“- oder „alla prima“-Technik aus dem 15. Jahrhundert; unter anderem Rembrandt trug verschiedene Schichten noch feuchter Ölfarbe übereinander auf. Bob Ross reduzierte diese Technik bloß auf das Wesentliche – mit zwölf (in Düsseldorf produzierten) Farben komplettierte er ein imposantes Landschaftsgemälde in 27 Minuten. Nebenbei bewies er ein feines Gespür für den Publikumsgeschmack: Williams‘ Maltechnik, Naturmotive und direkte Publikumsansprache kombinierte er mit sonorer Stimme und Selbstironie, offenem Hemd und Optimismus. Die Selbststilisierung funktionierte besser, als Ross selbst lieb war: Der Afro-Frisur, die er sich zugelegt hatte, um das Geld für Friseurbesuche einzusparen, wurde er schnell überdrüssig, aber sie war eben sein Markenzeichen. Das wirkt bis heute: Die Sendung, deren letzte Folge am 17. Mai 1994 lief, begeistert weltweit die Massen.

Nur einer von vielen Auswüchsen des Kults: Bob-Ross-Porträt (Lippenstift auf Mund). Foto: twitter.com/missjazminad/Foto: twitter.com/missjazminad

In Deutschland bringt sie längst nicht mehr nur der Bildungssender ARD-alpha, der täglich gleich zwei Folgen zeigt, ohne Untertitel, unsynchronisiert und ununterbrochen seit 2001. Die bei Jugendlichen hochpopuläre Gamingvideo-Plattform Twitch feierte den Start ihres Kreativ-Kanals mit einem Bob-Ross-Marathon: Rund 200 Stunden, also knapp achteinhalb Tage lang, liefen dort am Stück alle Folgen von „The Joy of Painting“ – und 3,5 Millionen junge Menschen sahen begeistert zu. Und Ross’ offizieller Youtube-Kanal verzeichnet mehr als 230 Millionen Videoabrufe.

Wenn man so will, schließt sich damit ein Kreis. Alle Erfolgsgeheimnisse der heutigen Video-Stars nahm Ross vorweg: Eine Nische identifizieren und konsequent besetzen, Rituale kreiren, eine Gemeinschaft schaffen in einem virtuellen Wohnzimmer auf eine Weise, die authentisch wirkt. Sogar der Flausch-Faktor seiner Sendung war groß: Regelmäßig brachte Ross süße Tierbabys mit in sein kleines Kellerstudio, darunter Eulen, Waschbären und massenweise Eichhörnchen. Seine Zuschauer bat Ross nicht nur um Anregungen für neue Motive; regelmäßig präsentierte er auch deren Werke.

Die Digitalkunstexpertin Lana Polansky seziert Ross’ Erfolgsgeheimnis: „Seine weiche Stimme, seine netten Worte, seine lässige Art… manche vergleichen ihn mit Jesus höchstpersönlich. Und ich denke, dass tatsächlich viele Menschen danach dürsten, was er predigt.“ Das Evangelium nach Bob Ross mag sich thematisch um Ölbilder drehen, im Kern aber ist es eine Mischung aus Meditation und Motivation. Die wenigsten seiner Fans griffen je selbst zum Pinsel, doch Stimmung und Selbstbewusstsein seines Publikums hob er davon unabhängig: Ein Vierteljahrhundert vor Barack Obama predigte Bob Ross: „Yes, we can!“

Für die Sendung bekam er angeblich nie auch nur einen Dollar. Besonders zeitaufwändig war die Arbeit allerdings auch nicht: eine komplette Staffel mit 13 Folgen drehte er in zweieinhalb Tagen ab. Dazwischen ging er wochenlang auf Tour.

Ross’ Gesamtwerk umfasst nach eigener Schätzung rund 30.000 Bilder. Die ersten malte er in seinem ersten Berufsleben – als Angehöriger der US-Luftwaffe. Die Schule hatte der 1942 geborene Sohn einer Kellnerin und eines Tischlers nach der neunten Klasse verlassen; zunächst arbeitete er als Gehilfe seines Vaters, wobei er einen Teil seines linken Zeigefingers einbüßte. Um die Welt zu sehen, wurde er Soldat, und nach einigen Jahren in seinem Heimatstaat Florida wurde er nach Alaska versetzt. An den schneebedeckten Bergen, malerischen Seen und urigen Holzhütten konnte sich Ross nicht sattsehen. Bald belegte er Malkurse en masse, doch Farbtheorie und Kompositionslehre langweilten ihn. Er wollte schöne Bäume malen – nicht mehr und nicht weniger. Die Erleuchtung kam ihm, als er 1975 in seinem Zweitjob als Kneipen-Kellner zufällig „The Magic of Oil Painting“ sah. Aus dem Fernsehen lernte er langsam, in Höchstgeschwindigkeit zu malen.

„Irgendwann malte ich in jeder Mittagspause zwei Bilder, während ich ein Sandwich aß“, erzählte er später; mit dem Verkauf der Werke an Touristen besserte er sein schmales Einkommen auf. In seinem Hauptberuf machte Ross zugleich Karriere, doch seine Aufgaben widerstrebten ihm: „Ich war der Typ, der dir befiehlt, dein Bett zu machen und das Klo zu putzen. Der Typ, der dich anschreit, wenn du zu spät kommst“, erklärte er einmal. „Der Job verlangte von mir, hart und gemein zu sein. Das hatte ich so satt.“ Immer öfter griff der Eskapist zum Pinsel: „Nachdem ich den ganzen Tag lang Soldat gespielt hatte, konnte ich in meinen Bildern eine Welt gestalten, die mir gefiel: Sauber, friedlich, ruhig, ohne Schmerzen und Ärger – in dieser Welt war jeder glücklich.“

1981 verließ er das Militär - und zunächst auch Frau und Sohn -, um als Künstler sein Glück zu finden. Historisch verbürgt ist wenig; bis heute gibt es keine kritische Biographie. Die TV-Dokumentation „Bob Ross: The happy Painter“ bietet einige Einblicke, wirkt aber in weiten Teilen wie ein Werbefilm.

Der Legende nach allerdings fand sich Ross schnell an der Seite seines Lehrers Bill Alexander wieder – jedoch nicht vor der Kamera, sondern in der Werkstatt, wo er Farbe in Dosen abfüllen musste. In einer Pommesbude soll eine seiner damals wenigen Schülerinnen, Annette Kowalski, Ross überzeugt haben, sich selbständig zu machen.

Gemeinsam kultivierten sie Ross’ Image und perfektionierten seinen Look. „Er lag nachts wach und hat jedes Wort auswendig gelernt“, gibt Kowalski zu. In Ross‘ wenigen Interviews blitzt auch Verbissenheit durch: Niemand müsste „hundert Jahre lang“ eine Kunstschule besuchen, brummt er beispielsweise, und dass die Gesellschaft einer „Gehirnwäsche“ unterliege, nach der sich nur Künstler nennen dürfe, wem bei der Geburt „Michelangelo persönlich den Kopf getätschelt“ habe. Als sich ein Lokalsender weigerte, Ross‘ Sendung auszustrahlen, gab der jedem Fan aus der Gegend die Privatnummer des Senderchefs mit der Bitte, doch mal dort durchzuklingeln.

Auch eine gewisse Menschenfeindlichkeit ist dem Naturromantiker nicht abzusprechen: Die 381 Bilder, die Ross im Fernsehen malte, sind menschenleer; einzige Ausnahme ist die Silhouette eines Cowboys.

Ob Ross‘ Werk das Prädikat künstlerisch verdient hat oder nicht: Sein Tempo ist bis heute unerreicht. Von Spontaneität indes war keine Spur: Jedes vor der Kamera gemalte Bild war ein Eigenplagiat – das außer Sicht der Kameras platzierte Original diente Ross als Referenz. Schließlich malte er jedes Motiv noch ein drittes Mal – mit extra-feinen Details, geeignet als Fotomotive für seine Do-it-yourself-Bücher.

Überraschend für sein Publikum starb Bob Ross am 4. Juli 1995 mit nur 52 Jahren an Lymphdrüsenkrebs; bei der Aufzeichnung der letzten Folgen hatte er bereits eine Perücke getragen, um den Haarausfall zu vertuschen. Neben seiner Sendung hinterließ er auch die Produkte von Bob Ross Inc., sämtlich geziert von seinem stilisierten Porträt mit Bart und Afro – ebenso wie sein Grabstein, an dem Fans neben Blumen auch Bilder und Pinsel niederlegen.

Den Mythos, der den Firmengründer umweht, will Joan Kowalski bewahren, die Bob Ross Inc. von ihrer Mutter übernahm. Die Autoren des Buchs „Happy Clouds, Happy Trees: The Bob Ross Phenomenon“ geben schon im Vorwort zu, dass sie für eine Biographie nicht einmal annähernd genügend Material sammeln konnten: Nur eine einzige Person habe mit ihnen sprechen wollen. „Wir glauben aber, dass er dankbar wäre für die Aufmerksamkeit und Analyse.“ Und ähnlich wie Elvis sei Bob Ross ganz offensichtlich ohnehin „nicht wirklich tot“.

Quicklebendig ist jedenfalls die nach ihm benannte Firma; erst jüngst bezog sie ein größeres Gebäude in Herndon, Virginia, einem Vorort von Washington, D.C.. Untergebracht ist darin neben einem Callcenter ein großes Regal mit allen offiziellen Fanartikeln rund um Bob, den Malmeister: Salzstreuer und Socken, Strumpfhosen und Schneekugeln, Pfefferminzpastillen und das Brettspiel „Die Kunst des Entspanntbleibens“.

Wie viel das Unternehmen mit alledem umsetzt, verrät es nicht, doch US-Medien berichten von stabilen Millionenumsätzen. 2015 gab es angeblich 3.549 „Certified Ross Instructors“ in 39 Ländern; heute tauschen sich zumindest in der geschlossenen Facebook-Gruppe „nur“ knapp 500 aus. Doch seinen Malkursen ist Bob Ross längst entwachsen. Er ist zur Popkultur-Ikone geworden, teils ironisiert, Synonym geworden für Friede, Freude, Eierkuchen.

Die deutsche Girlgroup „Hello Bob Ross Superstar“ indes ist längst aufgelöst – falls es sie je gab. Überhaupt müssen deutsche Fans tapfer sein: Die Ross nachempfundene, „offizielle“ Lego-Figur (18 Dollar) wird nicht in unsere Breiten versendet, ebenso das Waffeleisen für Bob-Ross-förmiges Gebäck (31 Euro) sowie der Toaster, der Bob Ross‘ Porträt in Weißbrotscheiben brennt (36 Euro). Auch die Bob-Ross-Cornflakes mit sieben verschiedenen bonbonbunten Marshmallows (neun Euro) bleiben uns verwehrt, nicht mal das Kölner Frühstücksflockenfachgeschäft „Flakes Corner“ führt sie.

Wie gut, dass Bäume und Wolken, Teiche und Tierbabys nicht urheberrechtlich geschützt sind.

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