1. Kultur
  2. Kunst

Kasper König - über seine Liebe zu Postkarten und seinen neuen Kalender

Interview Kasper König : „Ich hoffe, ich habe zu Laschets Niederlage beigetragen“

Der legendäre Ausstellungsmacher und Museumsleiter Kasper König hat einen kuriosen Karten-Kalender zusammengestellt. Nun erklärt er im Interview, warum er die kleine Form schon immer mochte.

Der 77-jährige Kasper König ist einer der berühmtesten Ausstellungsmacher Deutschlands. Er initiierte die „SkulpturProjekte Münster“, war in den 1980er-Jahren Professor an der Kunstakademie Düsseldorf und von 2000 bis 2012 Leiter des Museums Ludwig in Köln. Zudem unterhielt er persönliche Beziehungen zu Künstlern wie Claes Oldenburg, Andy Warhol oder Gerhard Richter. Daneben soll er aber auch der „vielleicht berühmteste Postkartenschreiber des Kunstbetriebs“ sein. Damit wirbt zumindest der Verlag, der für das Jahr 2022 „Kasper Königs Kuriosen Karten Kalender“ herausgebracht hat.

Was hat es mit Ihrer Liebe zu Postkarten auf sich?

Kasper König Eigentlich ist das Postkartenschreiben momentan ja so dermaßen obsolet. Und trotzdem ist dieses fast nostalgische, irgendwie verlorene Medium gerade auch für junge Leute wieder interessant. Das ist ein Effekt, der vielleicht durch diesen Overload von elektronischer Kommunikation ausgelöst wird. Schon Babys haben ja so einen Reflex: Wenn sie etwas in die Finger kriegen, dann wischen sie, als würde daraus Information kommen. Insofern ist meine Beschäftigung mit Postkarten die Wiederbelebung eines Mediums, das keine Relevanz mehr hat.

  • Die Frau hob mit einer im
    Fahndung in Düsseldorf : Wer erkennt diese EC-Karten Diebin?
  • Die Abfuhrtermine sind auf verschiedenen Wegen
    Termine für Heiligenhaus 2022 : Abfallkalender: neu, digital und mit eigener App
  • Corona-Newsblog : NRW-Apotheken wollen spätestens ab Mitte Februar impfen

Welche Relevanz hatte es früher?


König Früher schickte man eine Postkarte an die Oma: „Wir wünschten, du wärst hier.“ Man war irgendwo an der Nordsee oder wo auch immer in den Ferien, und das wurde erwartet, aber eigentlich war die Nachricht: Gottseidank bist du nicht da und wir können ungestört kiffen und saufen, und ich weiß nicht was. Meine Manie, über Postkarten zu kommunizieren, ist entstanden, als ich am Portikus in Frankfurt und am Museum Ludwig war. Viele Künstler haben damals gejobbt, gekellnert oder sind Taxi gefahren. Und wenn sie mal eine kleine Publikation machen konnten, haben sie mir geschrieben, um Beachtung zu finden. Ich habe mir angewöhnt, mich unmittelbar zu bedanken – und oft eben auch höflich abzusagen. Deswegen begegne ich immer noch häufig Leuten, die sagen: „Ich habe immer noch Postkarten von Ihnen, die Sie mir vor 30 oder 40 Jahren geschrieben haben. Ich war vielleicht nicht erfreut über ihre Antwort, aber wenigstens habe ich überhaupt eine erhalten!“

Was halten Sie als ehemaliger Museumsleiter von großen Kunstwerken auf Postkarten wie es sie in allen Museumsshops gibt? 


König Als Gymnasiast habe ich mir mit Mitschülern Kunstpostkarten besorgt mit Abbildungen der Höhlenmalereien in Altamira oder Lascaux, Werken von Gaudi oder der Brücke-Künstler zum Beispiel und das war dann unsere typische Rezeption von Kunst in der Nachkriegszeit. Bis heute bin ich ja ein echter Fan, was Museen angeht, egal welcher Art: Kunst oder Kulturgeschichte oder Naturkundunde. Ich gehe immer zuerst in den Museumsshop und schaue mir die Postkarten an und informiere mich: Was gibt es da? Was ist sozusagen das Wichtigste aus der Sicht der Museen? Und dann entdecke ich zum Beispiel in Darmstadt eine Karte mit einem Ölbild von Wilhelm Busch, das ich in der Sammlung vielleicht gar nicht bemerkt hätte, weil es so klein ist. Interessant ist es, weil es pornographisch ist und wenn ich zu dem Ort im Museum komme, guckt der Wärter schon so, weil er weiß, dass mich vielleicht das Amouröse daran interessiert.

Sie haben mal erzählt, dass Sie über die kleine Form überhaupt erst zur Kunst gefunden haben?


König Das war bei einem Schulausflug ins Museum Folkwang in Essen. In den Bann gezogen hat mich da eine relativ kleine, aber edel gedruckte Reproduktion von Cy Twombly auf einem Plakat: Sie wirkte wie eine Kritzelei, wie man sie zum Beispiel auf einer öffentlichen Toilette sehen würde. Das fand ich faszinierend: In welcher Eleganz da menschliche Geschlechtsteile und so weiter zu sehen waren. Das hatte etwas Archaisches und gleichzeitig Gediegenes – in einer Umgebung, wo man es nicht unbedingt erwarten würde. Da wollte ich weiter hingehen – und bin ja auch hingegangen, über Umwege.

Neben zwölf Zeichnungen von Anna Haifisch besteht der Postkarten-Kalender aus Collagen von Ihnen. Wann erstellen Sie die?


König Ich lese meine Post mit der Schere. Heute bekomme ich immer weniger Post und darunter sind immer mehr Rechnungen, Werbung oder ähnliches. Es ist dann wie eine Therapie, daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Wie manche Leute Telefonkritzeleien machen, läuft die Bastelarbeit ständig nebenher, oft zu einem aktuellen Tagesbezug. Sehr viel gebastelt und verschickt habe ich zum Beispiel im Wahlkampf, wenn ich mal wieder einen Auftritt von Armin Laschet gesehen habe. Ihn vier Jahre mit diesem Grinsen im höchsten Amt zu erleben, das konnte und wollte ich mir nicht vorstellen. Ich hoffe, ich habe mit meiner Aktion zu seiner Niederlage beigetragen.

Inwieweit mischen Sie jenseits der kuriosen Karten weiter im Kunstbetrieb mit?


König Da gibt es diverse Projekte und die wird es auch weiter geben. In Chemnitz habe ich zum Beispiel eine Ausstellung kuratiert, die unmittelbar nach der Bundestagswahl „Hinterm Nischel“, also hinter dem monumentalen Kopf von Karl Marx zu sehen war und nur vier Tage gedauert hat.