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Düsseldorfer Kunstsammlerin: Julia Stoscheks verrückte Video-Welt

Düsseldorfer Kunstsammlerin : Julia Stoscheks verrückte Video-Welt

Die Düsseldorfer Kunstsammlerin hat in ihrer sechsten Ausstellung zahlreiche Neuerwerbungen ausgebreitet und zu einem Gesamtkunstwerk zusammengestellt. Übertreibung, Trash und Tricks in der Videokunst paaren sich mit Theatralik. Ein echtes Kino mit Filmvorführer gibt es auch.

Es ist ihre sechste Ausstellung, die vierte Sammlungspräsentation. Julia Stoschek hat wieder reichlich und qualitätvoll eingekauft in den Ateliers der international bedeutenden Videokünstler. Raritäten ergänzen ihre auf 530 Stück angewachsene Sammlung sogenannter zeitbasierter Medien: Filme, Videos, Fotos und Installationen. Jetzt zeigt die Kuratorin Stoschek bis Januar 2013 ihre Neuerwerbungen, breitet sie in ihrem aufwendig umgebauten Düsseldorfer Schatzhaus aus.

"Ich bin der Kopf", sagt die Betriebswirtin aus Coburg, die dank ihrer Abstammung aus der Brose Fahrzeugteile GmbH imstande ist, sich seit vielen Jahren allein und umfassend der Kunst zu widmen. Selbstbewusst ist die 37-Jährige. In der zeitgenössischen Kunstszene ist sie den Tonangeberinnen zuzurechnen, deren Urteil selbst in New York gefragt ist. Sie weist auf monatelange Vorbereitungen hin für diese Ausstellung "Number six: Flaming Creatures" und auf bauliche Investitionen, die sie nicht beziffern mag: "Über Geld rede ich grundsätzlich nicht."

Beredt führt sie sodann durch ihr Haus, durch riesige Räume und lange Flure, an deren Ende leitmotivisch das schwarz-weiße Videostill "Sin" ("Sünde") hängt — ein wie aus Wolken auftauchender hypnotischer Schriftzug von Ed Ruscha. Stoschek erzählt Geschichten zu jeder Arbeit und deren Schöpfer. Sie deutet die Werke und misst ihre Kraft stets an zweierlei: Wie drückt sich das Weltgeschehen aus, und wie passt die Befindlichkeit des Menschen, des Individuums dazu? Man spürt, es ist ihr ernst mit der Kunst.

Die Form oder das Format der Arbeiten alleine sind nicht kaufentscheidend, sondern die Bezüge und Querverweise, die ein Werk anbietet. So verlinkt sich Stoschek in der aktuellen Ausstellung gedanklich mit Susan Sontags "Camp"-Begriff. Camp ist demnach eine stilistisch überpointierte Art der Wahrnehmung, die am Künstlichen und an der Übertreibung orientiert ist. Im Zuge des Ästhetizismus und des Dandytums entwickelte sich diese Wahrnehmungsart. Den Anfang nahm "Camp" an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert und fand seinen Höhepunkt in den 1950er und 1960er Jahren.

Genau in dieser Zeit entstand eine wichtige historische Ausgangsposition der drei Generationen umfassenden Ausstellung, die Arbeit des US-Künstlers, Performers und Underground-Filmemachers Jack Smith (1932-1989). Er hat in den sechziger Jahren den berüchtigten, wegen Pornografieverdachts skandalisierten Film "Flaming Creatures" gedreht, der dieser Ausstellung den Titel verleiht.

"Es geht um die entbrannte Kreatur", sagt Stoschek, "wir alle brennen." So wirkt in dieser Ausstellung eine grundsätzliche Wucht, die umfassender, wilder, lauter, bedrohlicher, sinnlicher und malerischer nicht sein könnte. Aus den sehr verschiedenen Video- und Filmarbeiten entspringt eine Formenvielfalt, für die erst noch ein Vokabular erfunden werden muss. Zumal für die Sprachkaskaden in dem dreiteiligen Raum von Ryan Trecartin, in dessen Videos die Konversation nicht mehr traditionell, sondern von SMS- und Internetjargons geprägt ist. Der Amerikaner konstruiert eine Hyperrealität, baut Schreibtisch, Parkbank und Lufthansa-Stuhlreihen vor den Leinwänden auf. "Trill-Ogy Comp" heißt diese Arbeit von 2009, die anregt und zugleich verwirrt .

Wer diese Arbeiten technisch beschreiben will, wird den trashigen Szenarien und Performances nicht gerecht. Wer alleine das Geschehen benennt, vergisst das Kunstvolle der Produktionstechnik. Man muss sich dahin bewegen, viel Zeit nehmen und eintauchen in die verrückte Video-Welt. Sogar ein Kino hat Julia Stoschek in ihr Haus einbauen lassen, ganz traditionell mit mehreren Sitzreihen. Ein Filmvorführer wird dort nach Ansage im Internet 16-Millimeter-Filme zeigen.

Ein Abenteuerland der Grausamkeiten hat der Deutsche John Boch auf 300 Quadratmetern installiert, das aussieht wie das weiß lackierte Gerüst eines Fahrgeschäfts. "Kumulierte Summenmutation" nennt der 45-Jährige sein labyrinthisches Gebilde, in dessen Verschlägen Videos laufen und in dessen Zentrum der Horrorfilm "Lütte mit Rucola" steht. Man klettert vor sich hin, muss den Kopf einziehen, um in den Kabinen die laufenden Bilder zu sehen. Es geht über Bodenwellen, an einem müllüberladenen, blutbefleckten Zimmer vorbei. Plötzlich befindet man sich inmitten rotierender Op-Art-Scheiben, verliert ganz sicher bald die Orientierung oder sogar die Nerven, alles ist so brutal und blutig.

Da will man doch viel lieber "Altmeister" Bruce Nauman besuchen. Schlüsselwerke besitzt Stoschek von ihm, erstmals zeigt sie die Vier-Kanal-Arbeit "Art Make up" von 1967 mit den Variationen des sich schminkenden Künstlers. Eindringlich und still ist das. Der Körper wird — wie auch bei weiteren Videos — zur Projektionsfläche. Einmal zieht er kontemplativ Spuckefäden, an anderer Stelle gibt er sehr Intimes preis.

Fast alle Künstler kommen zur Eröffnung. Über Applaus, sagt Stoschek, freut sie sich für ihr Haus, das vor Kunst nur so vibriert.

(RP/csi/jco)