Instagram-Kanal zu Beuys-Aktion: Stadtverwaltung statt Stadtverwaldung

Instagram-Kanal zu Beuys-Aktion: : Stadtverwaltung statt Stadtverwaldung

Ein neuer Instagram-Kanal zeigt, was in New York aus Joseph Beuys’ Kunstaktion „7000 Eichen“ geworden ist.

Bis heute werden über Joseph Beuys‘ Kunst-Großprojekt „7000 Eichen“ die schönsten Geschichten erzählt, zum Beispiel die von seinen Besuchen in Schwalmstadt in Nordhessen. Dort gab es einmal einen Steinbruch, aus dem Beuys fein säuberlich Basaltstein heraussprengen ließ, je eine Stele sollte anlässlich der Documenta 7 in Kassel neben einer von tausenden neu gepflanzten Eichen aufgestellt werden. Mehrmals jedenfalls kam Beuys denn auch höchstselbst nach Schwalmstadt, um den Fortgang der Arbeiten zu begutachten, und immer brachte der frühere Düsseldorfer Kunstakademie-Professor eine Entourage aus ihm ergebenen Schülern mit. Wenn Joseph Beuys sich im Hotel Hassia eine Milch bestellte, so erzählten es Zeitzeugen neulich der „Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen“, bestellten seine Schüler auch eine. Wenn er Kakao trank, nahmen sie auch einen. Wenn er Schnaps bestellte – und so weiter.

Manchmal uferten diese Zusammenkünfte offenbar aus, im Hof des Hassia steht bis heute eine Steinsäule, mit der Beuys eine Rechnung beglichen haben soll. Die übrigen 7000 Steine ließ er 1982 nach Kassel bringen und vor dem Museum Fridericianum zu einem Keil aufschütten, an dessen Spitze er die erste Eiche setzte. Nach und nach, bis zur nächsten Documenta 1987, wurden die Steine abgetragen, jeweils einer, wenn ein neuer Baum gepflanzt wurde. „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ gab der Künstler und Grünen-Mitbegründer als Motto der Aktion aus. Über die Jahre wurde Kassel so immer grüner, und bis heute stehen die Bäume, wachsen und gedeihen, zumindest die meisten. Das Kunstwerk ist im Stadtbild aufgegangen.

In Kassel ist „7000 Eichen“ verwurzelt, doch auch anderswo fand man Gefallen am Ensemble aus Organischem und Beständigem – Baum und Basalt. Neben privaten Spendern und Joseph Beuys selbst – der im japanischen Fernsehen Werbung für Whisky machte, um Geld heranzuschaffen – finanzierte die New Yorker Dia Art Foundation die Landschafts-Kunstaktion in Kassel und erweiterte sie 1988 sogar bis nach Manhattan. In der 22. Straße im Stadtteil Chelsea ließ die Stiftung Eichen und Schwalmstädter Basalt aufstellen. Auch in Manhattan stehen die Bäume bis heute. Drumherum: Sperrmüll und Altpapier.

Um sich das anzusehen, muss man nicht nach New York fliegen, ein neuer Instagram-Kanal zeigt nun nämlich, was aus den New Yorker Beuys-Bäumen geworden ist, und macht „7000 Eichen“ damit um eine Geschichte reicher. Das Konto „Beuys On The Street“ wird seit gut einem Monat mit Bildern bestückt, die laut Beschreibung von Besuchern des Dia Art Centers gemacht werden. Nach und nach kommen so neue Baum-Basalt-Beobachtungen hinzu.

Gezeigt wird, wie das Kunstwerk tatsächlich in das Alltagsleben der Menschen übergegangen zu sein scheint: Zu sehen sind Fußmatten, die auf dem Basalt auslüften. Ange­klebte Zettelchen, die auf ein Parkverbot hinweisen. Ausrangierte Weihnachtsbäume, die auf ihre Abholung warten. Als stummen Ruf nach mehr Stadtverwaltung kann man viele der bislang 25 Bilder deuten. Verwaldung – eher weniger.

Das Besondere an Beuys’ Eichen-Kunstwerk ist ja, dass es sich über das Jahr und auch mit den Jahren in seiner Form permanent verändert. In New York wachsen die Bäume längst nicht mehr nur in die Höhe. Durch säckeweise Müll, der um Baum und Stein arrangiert wurde, wie auf einem weiteren Bild zu sehen ist, wird das prominente Werk sogar noch verbreitert. Ein Verweis auf das Müllproblem der Welt? Womöglich. Soziales Plastik sozusagen.

Die Dia Art Foundation hat unlängst angekündigt, auf „Beuys On The Street“ zu reagieren: Man wolle „jede Anstrengung“ unternehmen, den Müll so schnell wie möglich zu entfernen und die Stelen in makellosem Zustand zu erhalten, so ein Sprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. „Diese Interaktionen sind aber auch Teil des urbanen Lebens der Steine und ihrer Beziehung zur Stadt um sie herum“, so der Sprecher weiter. Er ist sicher, Beuys wäre an diesen Interaktionen interessiert gewesen.

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