1. Kultur
  2. Kunst

"Himmel" nie gezeigtes Bild von Gerhard Richter im Museum Folkwang

Nie ausgestelltes Richter-Bild im Museum Folkwang : Panoramafenster ins Grenzenlose

Gerhard Richters gewaltiges Gemälde „Himmel“ ist noch nie öffentlich gezeigt worden. Nach Ende des Lockdowns kann man es in Essen erstmals betrachten. Die Wirkung ist überwältigend.

Es gibt Menschen, die müssen schmunzeln oder seufzen, wenn sie etwas besonders Schönes und Überwältigendes betrachten. Und wenn diese Menschen das Gemälde von Gerhard Richter sehen, das nun im Museum Folkwang hängt, werden sie ganz sicher so reagieren: mit einem Schmunzeln oder Seufzen.

„Himmel“ heißt das mehr als drei Meter hohe und zweieinhalb Meter breite Bild, das soeben dort eingezogen ist. Das ist eine Sensation. Denn die Arbeit aus dem Jahr 1978 wurde noch nie öffentlich gezeigt. Sammler aus Essen kauften sie einst direkt aus Gerhard Richters Atelier. Das Paar, das ungenannt bleiben möchte, besaß bereits weitere Arbeiten des heute 88 Jahre alten Künstlers. Und um das Werk überhaupt hängen zu können, haben die Eigentümer ihr Haus mit viel Aufwand umbauen lassen, berichtet Folkwang-Chef Peter Gorschlüter. Vier Jahrzehnte blieb es in den Privaträumen. Es gab zwar Anfragen von Museen und Kuratoren, das Bild auszustellen. Alle wurden jedoch abgelehnt, das Bild sollte nicht auf Reisen gehen. Nun möchte das Paar es aber doch zeigen: Erstmal für ein Jahr wird es zu sehen sein. Direkt nach Ende des Lockdowns kann man es besuchen.

  • Entertainment Themen der Woche KW05 News
    Rückgabe aus Düsseldorf : Raubkunst-Gemälde „Füchse“ in London versteigert
  • Das Koenraad-Bosman-Museum wurde vor 25 Jahren
    Kultur in Rees : 25 Jahre Koenraad-Bosman-Museum
  • Das einzige Musikinstrument in der Sammlung
    Historisches Instrument in Krefelder Sammlung : KWM sammelt für seine Hausorgel

Das Bild mutet bemerkenswert frisch an, als wären die Farben noch feucht. Es scheint zu leuchten. Kein Pinselstrich ist zu erkennen. Am unteren Rand sind Wolken zu sehen, hellbraun und zunächst beige, dann weiß auskragend. Der rechte Bildrand wird nach oben hin immer dunkler, die obere Ecke ist die dunkelste Stelle des Bildes. Das Gros der Fläche zeigt indes reine Atmosphäre, verschwommene Transparenz, geronnene Unbestimmtheit, totale Transzendenz. Man denkt an William Turner, den englischen Maler des Wetters. Und an Brecht und seinen schönen Wolken-Vers: „Sie war sehr weiß und ungeheuer oben“. Man wird geradezu eingesogen von diesem Bild, dessen Weißheit sich nach links aus dem Format hinaus verlängert über die Wand und schließlich zur Fensterfront des Museums und hinaus nach draußen. „Himmel“ öffnet den Raum und weitet den Blick des Betrachters.

Von seinem Besuch im Folkwang-Museum erzählt Autor Philipp Holstein auch in unserem Nachrichten-Podcast Aufwacher.

Potenziert wird die Wirkung des Bildes durch dieTatsache, dass man hier als erster auf einen bislang verborgen gebliebenen Schatz schauen darf. Nennen wir es einfach mal den Schliemann-Effekt: zum ersten Mal Troja sehen. Sozusagen ein „neues“ Bild jenes Künstlers, der erst im September angekündigt hat, er werde nicht mehr malen. Auf die Frage, welchen Wert „Himmel“ wohl habe, schütteln die Fachleute energisch den Kopf. Hoffentlich komme es nie auf den Markt, sagt Gorschlüter. Und falls doch? Dann wäre es sicher sehr, sehr, sehr, sehr begehrt. Vier Mal sehr.

Dass es das Bild gibt, war immer bekannt; es findet sich im Werkverzeichnis, das im Internet zu besichtigen ist. 30 Wolken-Bilder habe Gerhard Richter zwischen 1968 und 1979 gemalt, erzählt Anna Fricke, die den Bereich zeitgenössische Kunst im Museum Folkwang betreut. Dieses sei das vorletzte und habe einen besonderen Stellenwert. Als einziges trage es den Titel „Himmel“, außerdem sei es nicht im Landschaftsformat gehalten, sondern im hohen Porträtformat. Und genau genommen zeige es ja nicht mal eine Wolke, nicht hauptsächlich jedenfalls. Das Zentrum des Bildes besteht vielmehr aus Dunst, Luft und Licht. Aus dem, was man eigentlich gar nicht malen kann. „Wir sind der Mönch am Meer“, sagt Fricke mit Verweis auf Caspar David Friedrich.

Als Grundlage für das Bild diente Gerhard Richter eine selbstgemachte Fotografie. „Himmel“ zeigt also im Grunde weder Wolke noch Himmel, sondern lediglich eine Fotografie, die Wolke und Himmel zeigt. Ein zufälliges Arrangement, einen Ausschnitt. Richter bringt die Reflexion über das Bild in das Bild hinein. Und Peter Gorschlüter weist darauf hin, dass Richter hier bereits die Hinwendung zur Abstraktion andeutet. Eine fotorealistische Abstraktion gewissermaßen.

In Essen hängt Richters Werk in einem Raum, der „La Vague“ genannt wird, nach dem Bild von Gustave Courbet aus dem Jahr 1870. Es ist nun der Nachbar des „Himmels“ und zeigt das Meer, wie es sich vor dem Fenster des Franzosen darbot: rau, wild, ungestüm. Es ergänzt Richters Sichtweise und Verfahren: zwei Arten, der Natur nahe zu kommen.

Man mag sich nicht abwenden von Richters Bild. Gerade jetzt hat es etwas Erhebendes. Es öffnet ein Panoramafenster ins Grenzenlose. Es lässt den Betrachter in eine Welt blicken, die ohne uns stattfindet, wie Hubertus Butin in dem neuen Kunstband über Richters „Landschaft“ schreibt. Und auch der Satz, den der teuerste Künstler der Welt selbst sagte, als er 2006 seine Fenster für den Kölner Dom vorstellte, kommt einem in den Sinn: Ohne den Glauben an eine höhere Macht oder etwas Unbegreifliches könne er nicht leben.

Man verlässt das Museum angeregt. Mehr schmunzelnd als seufzend.