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"Haut ab": Jüdisches Museum zeigt Schau zur rituellen Beschneidung

"Haut ab!"-Schau widmet sich Historie und aktueller Debatte : Jüdisches Museum geht Ritual der Beschneidung auf den Grund

Nur ein harmloser Schnitt oder doch Körperverletzung? Wochenlang debattierte Deutschland im Sommer 2012 über die rituelle Beschneidung von kleinen Jungen. Erst ein Gesetz schuf Klarheit - und erlaubte weiterhin einen Brauch, der zum religiösen Selbstverständnis von Juden und Muslimen gehört. "Haut ab!" – unter diesem Namen will nun das Jüdische Museum Berlin dem Jahrtausende alten Ritual mit einer Ausstellung auf den Grund gehen.

Nur ein harmloser Schnitt oder doch Körperverletzung? Wochenlang debattierte Deutschland im Sommer 2012 über die rituelle Beschneidung von kleinen Jungen. Erst ein Gesetz schuf Klarheit - und erlaubte weiterhin einen Brauch, der zum religiösen Selbstverständnis von Juden und Muslimen gehört. "Haut ab!" — unter diesem Namen will nun das Jüdische Museum Berlin dem Jahrtausende alten Ritual mit einer Ausstellung auf den Grund gehen.

"Alles was ihm fehlte, war eine Vorhaut, sonst ging's ihm gut", beginnt Jakov Lind (1927-2007), jüdischer Autor und Maler, sein Gedicht "Selbstporträt". Die Beschneidung als Zeichen des Bundes mit Gott, als Reinheitsgebot für Muslime, Abgrenzung zwischen Juden und Christen oder Anstoß für eine Kontroverse über das Kindeswohl — das emotional beladene Thema steht im Fokus einer neuen Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin. Unter dem Titel "Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung" will die Schau mit rund 60 Exponaten die historischen und kulturellen Hintergründe ritueller Beschneidung in in den drei abrahamitischen Religionen Judentum, Islam und Christentum beleuchten.

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Eine Ausstellung über Beschneidung — unmöglich, sei ihre erste Reaktion gewesen, sagt die Programmdirektorin des Jüdischen Museums, Cilly Kugelmann. Anstoß für die Idee sei die "Beschneidungsdebatte" mit ihren antijüdischen und antiislamischen Ressentiments gewesen. Im Mai 2012 hatte ein Urteil des Kölner Landgerichts, das die Beschneidung als strafbare Körperverletzung bewertete, eine Debatte über Kindeswohl versus freie Religionsausübung losgetreten. Wie Gastkuratorin Felicitas Heimann-Jelinek es formuliert: "Durch das Urteil hat die Religionsfreiheit tatsächlich auf Messers Schneide gestanden."

Fakten, Religion und Ritual

Gleich zu Beginn der Ausstellungen wird der Betrachter daher mit den Fakten konfrontiert. Eine Weltkarte zeigt die Ausbreitung der Beschneidung in verschiedenen Regionen: Rund 30 Prozent aller Männer sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschnitten, davon rund 20 Prozent aus nicht-religiösen Gründen. Die Theorie, wonach beschnittene Männer traumatisiert seien, sei angesichts dieser hohen Zahl sehr unrealistisch, betont Kugelmann.

Die Fakten stehen im Gegensatz zu dem zweiten Ausstellungsraum, der auf das wesentliche religiöse Element der Beschneidung eingeht. Der schneeweiße Raum ist leer bis auf einen in großen weißen Lettern gehaltenen Schriftzug an den Wänden. In mehreren Sprachen wird aus dem Buch Moses zitiert, wie Gott zu Abraham spricht: "Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden". Für Gastkuratorin Heimann-Jelinek steht dieser Raum dafür, dass religiöse Aspekte an sich nur durch das Wort erfassbar seien. Das habe die Ausstellung zu einem so schwierigen Vorhaben gemacht.

Die weiteren Räume widmen sich je einer Religion. Angefangen beim Judentum und der sogenannten Brit Mila sind unter anderem traditionelle Gegenstände wie eine Beschneidungsbank oder ein silbernes Beschneidungsmesser zu sehen. Darüber hinaus wird auch auf die Figur Moses eingegangen, der beschnitten und damit makellos geboren wurde. Zugleich zeigen Fotografien, wie moderne jüdische Künstler mit dem Spannungsfeld zwischen religiöser Tradition, moderner Lebensweise und Zugehörigkeit teils provokant umgehen, etwa der Südafrikaner Steven Cohen, der, bizarr kostümiert, einen Davidstern auf seinen Penis geklebt hat.

Verschiedene Kurzfilme aus der heutigen Zeit

Der dem Islam gewidmete Raum geht vorrangig ein auf die Feier der Beschneidung für muslimische Jungen, die in kunstvollen Gewändern im Kreise der Familie ihre Beschneidung als Schritt zum Erwachsenwerden zelebrieren. Beim Thema Christentum und Beschneidung steht die Frage der Abgrenzung vom Judentum im Zentrum. Kugelmann nennt es "das überraschendste Kapitel". Sie selbst habe nie darüber nachgedacht, welche theologische Herausforderung es für Christen sei, die Beschneidung Jesu am 8. Tag nach der Geburt mit dem späteren christlichen Glauben in Einklang zu bringen. Schließlich sei das Fest der Beschneidung am 1. Januar erst 1969 durch das Fest der Gottesmutter Maria ersetzt worden.

Zum Schluss der Ausstellung wird auf die heutige Zeit eingegangen. In verschiedenen Kurzfilmen steht die Beschneidung humoristisch und ernsthaft im Mittelpunkt, etwa in der Geschichte eines jungen katholisch-muslimischen Paares, das über das Thema streitet. Und die Bundestagsdebatte ist zu sehen, bei der Ende 2012 mit großer Mehrheit ein Gesetz verabschiedet wurde, das die religiöse Beschneidung von jüdischen und muslimischen Jungen weiterhin erlaubt.

Die Ausstellung ist bis zum 1. März 2015 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen.

(KNA/dpa/das)