Kunstsammlung NRW wird 50 Jahre: Hausbesuch bei der Museumschefin

Kunstsammlung NRW wird 50 Jahre: Hausbesuch bei der Museumschefin

(RP). Marion Ackermann lebt mit ihrer Familie in einer Altbauwohnung in Düsseldorf. Seit zwei Jahren ist sie Direktorin der Kunstsammlung NRW. Sie ist längst heimisch geworden in dieser Stadt der Künstler. Unsere Redaktion durfte zum 50-jährigen Bestehen der Kunstsammlung einen ganz privaten Blick ins Leben der Museumschefin werfen.

Als sich die schwere Tür im zweiten Stock öffnet, genügen wenige Blicke, um zu erkennen, was sich in dieser geräumigen Wohnung alltäglich abspielt. Links auf der Fußmatte stehen winzig kleine und etwas größere Schuhe, ordentlich aufgereiht. Hinten rechts fällt der Blick auf raumhohe, prall gefüllte Bücherregale. Wenige Möbel - moderne Klassiker und alte Schätzchen - sind auf dem glänzenden Eichenparkett platziert, ein Orientteppich liegt da auch.

Hier wohnen Marion Ackermann, ihr Mann Wolf Tegethoff, Ada (anderthalb Jahre) und Titus (fünf Jahre).

"Herzlich willkommen", sagt Marion Ackermann, die ihr privates Reich öffnet. Ihre Augen strahlen. Sogleich zieht sie mich um die Ecke auf einen kleinen Balkon, der zum Hinterhof hinausführt. "Hier schauen Sie mal, unsere neue Oase." Für ihren Ehemann, der einen Tag zuvor 58 Jahre alt geworden ist, hat sie sich ans Gärtnern begeben, eine Sache, die ihr gar nicht liegt, deren Gelingen sie jetzt mit Stolz erfüllt. "Leider", sagt sie, "habe ich keinen grünen Daumen." Und doch hat sie es getan, den Balkon mit vielerlei Kräutern, Blumen und Rankpflanzen begrünt. Sie hat alles in Terrakotta-Töpfe gepflanzt, die noch aus ihrer vorherigen Wohnung in Stuttgart stammen und seit zwei Jahren im Keller standen.

Sie tat es mit Liebe. Und Wolf Tegethoff, der jetzt auch auf den Balkon gekommen ist, hat sich sehr darüber gefreut. Der Professor für Kunstgeschichte in München nimmt seine Frau wie so häufig in den Arm, elf Jahre kennen sich die beiden schon. Sie haben sich gefunden, sie beackern beruflich das gleiche Themenfeld und haben jetzt die zwei kleinen gemeinsamen Kinder. Auch eines der beiden großen Kinder aus Tegethoffs erster Ehe lebt mit in dieser Wohnung, der 20-jährige Janek. Saskia, die Große, studiert schon.

Der Mann ist der Herr in der Küche

Marion Ackermann und ihr zwölf Jahre älterer Mann haben voreinander Respekt, das spürt man. Sie ergänzen sich in ihren Fähigkeiten und lieben es, gemeinsam zu kunsthistorisch interessanten Zielen aufzubrechen. "Das kann uns sehr weit weg bewegen, oder auch, wie kürzlich, ganz nah nach Dessau führen. Wir reisen sehr gerne", sagt Ackermann, "und wollen dabei stets eines tun: gucken, gucken, gucken!" Der Balkon grenzt an die Küche, eine gut ausgerüstete, imposante Kochwerkstatt ist das. Die hohe Anrichte weist auf den Chef in der Küche hin. Hier ist der Mann fürs Wesentliche zuständig, erfährt man. Es ist Tegethoffs achte Küche, die er eingerichtet hat. Einrichten und Architektur sind sein großes Hobby. Er kocht gerne, sie weniger. Wenn, dann macht sie die Süßspeisen und kalten Sachen.

In der Ecke steht ein kleinerer Tisch mit Wachstuch und Blumenstrauß; auf der gemütlichen Bank werden später die zwei Kleinen ihr Abendbrot essen, von Kinderfrau Agnes betreut. Küche, Kinder und Karriere - wie passt das zusammen bei dieser viel beschäftigten Frau, die von früh oft bis spät in der Nacht ihren aufreibenden Job als Chefin im Museum ausübt? Und wie passt das erst zusammen bei einer Frau, bei der das vierte K - nämlich die Kunst - eine atemberaubend wichtige, anspruchsvolle und leidenschaftliche Dimension des Lebens umschlingt?

"Ich habe das Leben immer so genommen, wie es kam", sagt Marion Ackermann. "Wir sind bei allem, was wir tun, sehr entspannt. Das überträgt sich auf unsere Kinder. Wir wollten ihretwegen nie unser Leben komplett ändern." Sie vermittle dem Fünfjährigen offensiv, warum Mama manchmal wenig Zeit hat. "Ich spreche mit Titus und erkläre ihm, dass ich gerne arbeite. Ab und zu kommt er mit ins Büro, er muss wissen, wo seine Mama ist."

Das Muttersein neben einem erfüllenden Beruf hat ihr die eigene Mutter so vorgelebt, wie sie es jetzt selber beherzigt. Die Kinder waren bei Ackermanns immer dabei. Als kleines Mädchen waren Marion und ihr Bruder mit den Eltern längere Zeit in der Türkei; während die Mutter Vorlesungen hielt, hockten die Kleinen hinten in einer Bank. "Das war in der Türkei kein Problem - sollte man gar nicht denken!", sagt Ackermann. Überhaupt habe sie von der Mutter Wichtiges fürs Leben gelernt. Jeden Tag wurde ein Bild gemalt - das war Programm in ihrem fernsehfreien Haushalt.

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Ihre Mutter brachte sie zur Kunst

Die Mutter war es, die ihre Tochter in jede Ausstellung schleifte. Sie machte ihr Troja begreiflich und auch, was das Kriegsende, 1945, für den Umbruch und den Neubeginn in der deutschen Kunst bedeutete. Für Ackermanns Karriere gibt es schlüssige Erklärungen. Dass sie mit 38 Jahren die jüngste Museumschefin eines so großen Hauses wie des Kunstmuseums Stuttgart wurde und sechs Jahre später aus einem internationalen Bewerberfeld siegreich hervorging und zur Direktorin der renommierten Kunstsammlung NRW berufen wurde, hat sich nicht einfach so ergeben.

Förderer hatte sie - "die Entscheider sind männlich" - aber Förderinnen gab es auch. An Potenzial brachte sie ihr Studium der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaften mit, ihre Promotion über Kandinsky, ihre ersten praktischen Erfahrungen: Ab dem sechsten Semester kuratierte sie schon eigene Ausstellungen. Die Kraft kommt jedoch von innen. "Ich hatte immer schon einen Überschuss an Ideen", sagt Ackermann, "und ich denke und plane zukunftsgewandt." Nur wenn sie authentisch sei, sei sie gut. Sie verfüge über das Talent, Menschen für eine Sache zu begeistern. Fantasie sei hilfreich bei ihrem Job, der ihr eine Verantwortung für den großen Kunstbetrieb mit drei Häusern und knapp 100 Mitarbeitern abverlange.

Ohne Reibung geht das alles nicht. Es gelte der Rat: Wenn du nach einem Jahr noch keine Feinde hast, dann machst du etwas falsch. Macht ist wichtig, man braucht sie, sagt Ackermann, um Dinge, von denen man überzeugt ist, realisieren zu können. Statussymbole interessieren sie weniger, aber: "Ein gutes Gehalt ist eine Form von Anerkennung." Dabei ist sie immateriell erzogen worden. Heute noch kann sie sich vorstellen, völlig anders zu leben. Den totalen Rückzug anzutreten, ein Leben ohne TV und PC zu wagen, ohne Handy. Mit viel Zeit, in Kargheit leben, lesen, schreiben. "Von Zeit zu Zeit träume ich den Anti-Traum", sagt sie. Tegethoff nickt - sie haben das schon einmal ausprobiert, als sie zusammenkamen: in einer Hütte am See, für sie gab's zwei alte Dirndl im Schrank.

Düsseldorfer Kunst auch in New York zu finden

Jetzt hat sich das Paar auf das schwarze Corbusier-Sofa im Wohnzimmer gesetzt. Wenig ausgesuchte Kunst hängt an den Wänden. Ein Apple-Computer steht in Sichtweite, allerlei Spielzeug der Kinder liegt auf dem Boden. Titus und Ada kommen und zeigen mir ihr Bilderbuch, das der Papa zum Geburtstag bekommen hat. Das Leben in Düsseldorf gefällt der Familie. Am Abend will man vorkochen, am nächsten Tag kommen Gäste. Sie fühlen sich sehr gut aufgehoben und wohl in ihrem Viertel. Kindergarten und Schule liegen in Sichtweite.

"Düsseldorf ist die Stadt der Künstler", sagt Ackermann. Im New Yorker Museum of Modern Art habe sie eine Tafel mit den wichtigen Gegenwartskünstlern entdeckt - viele Namen waren Düsseldorfer. In der Stadt am Rhein will Ackermann noch einiges bewegen, das Museum beleben, die Kunst mit neuen Vermittlungsformen zu den Menschen tragen, vor allem zu Kindern und Jugendlichen. "Die alte Erzählung des Museums ist passé", sagt sie.

Auf ihren Reisen hat sie erfahren, dass man die Kunstsammlung NRW in der ganzen Welt kennt. "Auch unsere Beuys-Ausstellung hat alle erreicht." Darauf ist sie so stolz wie auf die beiden Nachwuchskünstler, die jetzt unbedingt mal auf Mamas Schoß wollen.

(RP)
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