Gerhard Richter schenkt Münster ein Foucaultsches Pendel

Neues Kunstwerk: Gerhard Richter verschenkt ein Pendel

In einer entwidmeten Kirche in Münster weist der weltbekannte Künstler nach, dass die Erde sich um sich selbst dreht. Er macht daraus ein stilles Großereignis, das einen Klassiker der Physik adelt.

Schon lange trug sich Gerhard Richter mit der Absicht, ein Foucaultsches Pendel zu errichten. Doch es fehlte ihm der passende Ort. Jetzt ist das Pendel auf einmal in Betrieb, und alle Welt schaut verdutzt nach Münster. Ausgerechnet Münster – was hat die Stadt, dass Richter sich für sie entschied und sie noch dazu mit seinem zu Kunst geadelten Klassiker der Physik beschenkte?

Münster hat seine Dominikanerkirche, ein barockes Gotteshaus, das bis November 2017 der Universitätsgemeinde als geistliches Zentrum diente und künftig kulturelle und gesellschaftliche Zwecke erfüllen soll. Kasper König, Kurator der Münsteraner „Skulptur Projekte“, kannte Richters Wunsch und wies seinen langjährigen Freund darauf hin, dass sein Traum dort in Erfüllung gehen könnte.

So ist Münster um ein Wahrzeichen reicher geworden. Förderer und zu einem geringen Teil die Stadt stellten insgesamt 650.000 Euro für die Installierung bereit. Jetzt schwingt Tag für Tag ein unter der Kuppel befestigtes, 29 Meter langes Seil mit einer 48 Kilogramm schweren Metallkugel majestätisch vier Meter weit durch das Zentrum der Kirche.

Und was sagt Gerhard Richter dazu? Man hatte es geahnt. Richter mag keine Pressekonferenzen, daher warf er den Journalisten auch diesmal flapsige Zwei-Sätze-Antworten vor. Warum diese Kirche? Richter: „Sie ist ein schönes Bauwerk. Kirchen gefallen mir sowieso – wenn sie gut sind.“ Warum Glas an den Wänden? Richter: „Glas ist bildähnlich, wie ein Spiegel.“ Und was soll das Kunstwerk bedeuten? Richter: „Ich wollte ein ansehnliches Stück liefern, das große Freude macht.“ Das Presseamt der Stadt hatte diese und ein paar Fragen mehr angeblich zuvor unter den Journalisten „eingesammelt“ und trug sie dem Künstler vor. Ein direkter Dialog war nicht gestattet, Fragen zum Werk durfte man lediglich den Kuratoren auf dem Podium stellen. Die aber hatten nicht auf alles eine Antwort. Auch nach dem Ende der seltsamen Fragestunde schirmte das Presseamt den Künstler nach Kräften ab.

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Wir fragten ihn danach, wie er seine agnostische Haltung – die Überzeugung, dass der Mensch alle über die sinnliche Wahrnehmung hinausgehenden Erscheinungen nicht erkennen könne – mit seiner Vorliebe für sakrale Räume vereinbare. Schließlich ist das Pendel in Münster nach dem Domfenster in Köln bereits seine zweite Arbeit in einer Kirche. Richter sagte: „Agnostizismus und Spiritualität schließen einander nicht aus. Wenn ich in den Kölner Dom gehe, mache ich das nicht, um die Priester zu sehen. Ich brauche ja nicht zu glauben. Es geht mir einzig um das Gefühl, das ich dort habe.“ Und wie sieht er das Verhältnis von Schönheit und Religiosität in seiner Gestaltung der Dominikanerkirche? Richter: „Im besten Falle kommt beiden das gleiche Gewicht zu.“

Richters Pendel-Installation ist ein Beispiel dafür, wie aus einem naturwissenschaftlichen Experiment Schönheit erstehen kann. Zur Erinnerung an den Physikunterricht: 1851 führte der französische Physiker Léon Foucault im Keller seines Hauses einen Versuch durch, bei dem er ein zwei Meter langes Pendel dicht über den Boden schwingen ließ und seine Bahn markierte. Er beobachtete, dass sich die Schwingungsebene langsam drehte. Die Schwerkraft konnte diese Drehung nicht bewirken. Also war es der Boden, der seine Richtung änderte. Der Beweis war erbracht, dass die Erde sich um sich selbst dreht.

Richter belässt es nicht bei einem Nachbau des Pendels, sondern gibt ihm an zwei gegenüberliegenden Wänden je zwei graue hohe Spiegel bei; daher der Titel des Kunstwerks: „Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel“. Die Spiegel zeichnen Bilder des Pendels und spiegeln zugleich die sich ebenfalls bewegenden Besucher der ehemaligen Kirche. Da kommt wieder einmal die philosophische Komponente von Richters Lebenswerk ins Spiel: der Verweis auf die Grenzen der Wahrnehmung. Unsere Neugier auf das Jenseits fällt immer wieder auf uns selbst zurück, wir können den Spiegel nicht durchdringen.

Das Motiv des Spiegels und die Farbe Grau durchziehen seit Jahrzehnten Richters Werk, ebenso wie sein kunstvoller Umgang damit. Die vier Glaspaneele sind mit den Grautönen auf der Rückseite emailliert, während sie vorn mit einer Verspiegelung lediglich bedampft sind. Das bringt Irritation hervor, aber zugleich eine ungekannte Schönheit – und auf Schönheit legt Richter so viel Wert wie kaum ein anderer weltbekannter Künstler der Gegenwart. Da ist er, der scheinbar Spröde, ganz und gar Romantiker. Lassen die geheimnisvollen Scheiben vielleicht doch etwas von der Unendlichkeit durchschimmern? Richters Foucaultsches Pendel ist ein Ort der Selbstbesinnung und der Ruhe mitten im Gedrängel einer Einkaufsmeile.

(bm)