Galerie Templon in Paris: Jonathan Meese entdeckt die Mode für sich

Wilde Show in Paris : Jonathan Meese liebt jetzt auch die Mode, wenn sie ideologiefrei ist

Alleskönner, Nichtskönner, Genie, Scharlatan: Am Künstler Jonathan Meese scheiden sich seit vielen Jahren die Geister. Jetzt entdeckt der Ahrensburger in Paris eine neue Bestimmung. Bei einigen Besuchern löst dies Begeisterung aus – bei anderen Fassungslosigkeit.

Lagerfeld – Mode – Paris. Das sind drei Begriffe, die einen fast vollendete Dreiklang bilden, scheinbar untrennbar miteinander verbunden. Diese drei Worte lösen Bilder von Anmut, Schönheit, Glanz, Reichtum aus – umrankt allerdings von einer gehörigen Prise Hybris. Doch plötzlich stört Jonathan Meese diese perfekte Harmonie, stapft mit fast kindlicher Naivität umher, hebt hier freudig lachend einen seidenen Rock und blick dort neugierig hinter die bunten Fassaden. Jonathan Meese, das Enfant Terrible der deutschen Kunstszene, der bei seinem Auftauchen nur zwei Gemütszustände auslöst: abgrundtiefe Abscheu oder allergrößte Bewunderung. Die Kategorie Gleichgültigkeit gibt es in seinem Fall nicht. Und dabei ist der Mann nach eigenen Aussagen nur auf der Suche nach Liebe – die sucht er allerdings ziemlich hemmungslos.

So bricht also Jonathan Meese ein in den Mode-Kosmos, herbeigerufen von der Galerie Templon. Der Galerist Daniel Templon hat große Erfahrung und auch ein sicheres Händchen darin, in der Kunstszene für einen gewissen Aufruhr zu sorgen. Er war es, der Jean-Michel Basquiat, Roy Lichtenstein oder Keith Haring nach Europa geholt hat. Im Auftrag des Franzosen hat Meese nun eine Ausstellung über den im Frühjahr verstorbenen Modezaren Karl Lagerfeld erarbeitet. Entstanden sind in kurzer Zeit viele großformatige Bilder und einige Installationen - und er zeigt einmal mehr, weshalb er als notorisches Spielkind unter den deutschen Künstlern gilt.

Dabei scheinen Meese und Mode auf den ersten Blick nicht allzu viel miteinander zu tun zu haben. „Ich liebe Mode“, beteuert allerdings der Künstler dann aus tiefstem Herzen bei einem Rundgang durch seine Ausstellung in Paris. Beim Deuten seiner Werke oszilliert er dann zwischen fast kindlich anmutenden Erklärungsmustern und philosophischen Sphärenflügen. Natürlich erklärt er in diesem Sinne auch die für ihn typische schwarze Adidas-Trainingsjacke kurzerhand zur Mode, zu einer Art modischer Uniform – aber natürlich eine unideologische, wie er sofort betont. Denn Ideologien sind für Jonathan Meese wie die Pest, die es mit seiner Kunst zu bekämpfen gilt. Das sei der eigentliche Wert der Kunst, doziert er, dass sie in der Lage sei, alle Dinge von ihrem ideologischen Ballast zu befreien, damit das eigentlich Schöne in den Dingen dieser Welt wieder ans Licht komme. In diesem Sinne ist die Mode in den Augen von Jonathan Meese sozusagen die Schwester der Kunst, denn auch in der wahren, unideologischen Mode sei am Ende alles erlaubt.

Im Zentrum der Ausstellung in Paris steht natürlich der ikonische Karl Lagerfeld, der mit seiner Arbeit große Kunst vollbracht habe, betont der künstlerische Allesanpacker. Doch der Meister ist gezeichnet, hat auf vielen Bildern eine deutlich sichtbare Narbe im Gesicht. Auch das ist ein Topos, der immer wieder auftaucht: der Kampf gegen allerlei Wiederstände in dieser Welt, der tiefe Verletzungen an Körper und Seele hinterlässt. Dieser Hinweis ist bei Meese, der im Kunstbetrieb seit Beginn seines Schaffens ständigen Anfeindungen ausgesetzt ist, durchaus autobiographisch zu verstehen.

Geht nach Hause, zu Hause ist ist die Kunst: Mannequins im Meese-Stil. Foto: Knut Krohn

Umringt ist Karl Lagerfeld im Meese-Mode-Universum von zahlreichen Mitstreitern wie John Galliano oder Yves Saint Laurent. Die Mode ist dabei allerdings nur ein einigendes Element, „das Faszinierende ist, dass alle diese Personen sehr konsequent und mit allergrößter Hingabe ihre Ideen verfolgt haben“, erklärt der Künstler. Aber wie nicht anders zu erwarten, dehnt Meese den Modebegriff fast bis zum Zerreisen und so tauchen etwa auch König Ludwig II. von Bayern, der Komponist Richard Wagner und natürlich Robespierre oder König Ludwig XIV. auf – schließlich ist man in Frankreich. „Sie alle waren prägend in ihrer Zeit“, erläutert er. Das will der Künstler natürlich nicht nur auf die Mode beschränkt wissen und schwärmt ziemlich ausführlich von den wunderbaren Schlössern des Bayern-Königs. „Früher haben ihn alle für verrückt erklärt und heute sind ihm alle dankbar für die schönen Dinge, die er hinterlassen hat.“

Viele Besucher der Galerie kommen natürlich aus der Modebranche und entdecken sich in den Werken durchaus wieder. Manchem gefällt, dass Jonathan Meese mit seinen Arbeiten ihrer Meinung nach der Haute Couture gnadenlos den Spiegel vorhalte, etwa die fast militärischen Hierarchien oder auch das verbissene Karrieredenken anprangere. Andere wiederum – ebenfalls Betrachter vom Fach – vermissen den „Tiefgang“ in den Bildern und kritisieren, dass der Künstler von der wirklichen Mode am Ende eben doch nichts verstehe. Und da ist sie wieder, diese Kluft zwischen Anhängern und Verächtern der Meeseschen Kunst. „Ich sitze irgendwie immer zwischen den Stühlen“, sagt der umstrittene Künstler selbst über die Wahrnehmung seiner Werke und wirkt dabei reichlich erstaunt. Tatsächlich ist das aber ein Platz, an dem sich Jonathan Meese vortrefflich zurechtfindet.

(RP)
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