Rätsel um Schädel des Dichters gelöst: Fremde Gebeine in Schillers Sarg

Rätsel um Schädel des Dichters gelöst : Fremde Gebeine in Schillers Sarg

Weimar (RPO). Es gibt keinen Zweifel mehr: Im Sarg des Dichters Friedrich Schiller lagen 200 Jahre lang fremde Gebeine. Das hat eine DNA-Analyse der menschlichen Überreste jetzt ergeben. Von nun an soll der Sarg des Künstlers in der Weimarer Fürstengruf leer bleiben.

Das Skelett, das fast 200 Jahre in der Weimarer Fürstengruft aufbewahrt worden war, ist nicht das Friedrich Schillers, wie eine DNA-Analyse ergeben hat. Auch zwei andere in der Gruft aufbewahrte Schädel, die alternativ als die von Schiller gehandelt worden waren, gehören nicht dem Schöpfer von "Wilhelm Tell" und "Don Carlos".

Das Ergebnis der fast zwei Jahre dauernden Untersuchungen eines international besetzten Forscherteams veröffentlichte der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in einer Fernsehdokumentation mit dem Titel "Der Friedrich-Schiller-Code". Die Experten förderten Erstaunliches zutage.

So stellte sich heraus, dass in dem Schiller-Sarg die Überreste von drei verschiedenen Menschen lagen. Ihre Identität konnte nicht mehr geklärt werden. Dafür konnten die zwei anderen Schädel aus der Fürstengruft, die jeweils ebenfalls zu echten Überresten Schillers erklärt worden waren, identifiziert werden. Einer der Totenköpfe, der in einem zweiten Schiller-Sarg im Nebenraum aufbewahrt worden war, gehörte keinem Geringeren als dem Weimarer Großherzog Ernst August, der vor rund 250 Jahren gestorben war.

Kopf einer buckligen Hofdame

Der dritte Schädel, der von einem Tübinger Forscher 1911 in Weimar ausgegraben und als der echte Schiller-Schädel in der Fürstengruft beigesetzt worden war, war der einer buckligen Weimarer Hofdame. Schiller konnte sie seinerzeit nicht ausstehen.

Für das Chaos in der Weimarer Fürstengruft macht der Film Vandalismus zu DDR-Zeiten verantwortlich. Ein Schädeltausch sei dadurch möglich gewesen.

Chaos begann schon vor über 180 Jahren

Das Chaos mit Schillers Knochen aber begann schon 21 Jahre nach dessen Tod im Jahr 1805. Weil der Weimarer Jacobs-Friedhof geschlossen wurde, sollten Schillers Gebeine aus einem Gemeinschaftsgrab geborgen werden. Ausgegraben wurden 23 Schädel, von denen der Schiller-Fan und Weimarer Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe in dem größten Totenkopf den Friedrich Schillers erkennen wollte.

Zunächst wurde der Schädel in der Großherzoglichen Bibliothek aufbewahrt. Ein mutmaßlich zum Schädel gehörendes Skelett wurde ebenfalls geborgen und in die Bibliothek überführt. Für ein halbes Jahr nahm sich Johann Wolfgang von Goethe den vermeintlichen Schädel seines Freundes mit nach Hause.

1827 wurden die Schiller zugeschriebenen Überreste in die neu erbaute Fürstengruft auf dem neuen Weimarer Friedhof überführt. Der Goethe-Sarg folgte 1832. Bis heute wurden die beiden Särge als letzte Ruhestätten der Dichterfürsten verehrt. Rund 60.000 Menschen besuchen nach Angaben der Klassik Stiftung Weimar pro Jahr die Fürstengruft.

Knochen stimmen verblüffend mit Totenmaske überein

Anderthalb Jahrhunderte flammte immer wieder zwischen Gelehrten ein Streit um die Echtheit von Schillers Schädel auf. Für den Schädel im Schiller-Sarg sprach die große Übereinstimmung mit der Totenmaske Schillers. Sie sind sich zum Verwechseln ähnlich, wie auch Anthropologen in der Fernsehdokumentation feststellen. Doch die vergleichenden DNA-Analysen von Verwandten Schillers beweisen das Gegenteil.

Um vergleichbares Erbgut zu erhalten, gruben die Forscher die Überreste von Schillers älterer Schwester Christophine in Meiningen und der jüngeren Schwester Luise in Möckmühl bei Heilbronn aus. In Bonn wurden die Gebeine von Schillers Frau Charlotte und ihres gemeinsamen Sohnes Ernst exhumiert. Auch den Überresten von Schillers zweitem Sohn Carl wurde Zellmaterial entnommen.

Haarsträhnen auch nicht echt

Das Ergebnis ist den Experten zufolge eindeutig: Die DNA aus dem Sarkophag stimmt weder in der weiblichen, noch in der männlichen Linie mit dem Erbgut der Familie Schiller überein. Auch die Vermutung, dass das Erbgut nicht passt, weil der Dichter ein untergeschobenes Kind des Württemberger Herzogs Friedrich sei, bestätigte sich nicht. Negativ war auch die Untersuchung der in Weimar aufbewahrten Haarsträhnen. Sie stammen nicht von Schillers Kopf.

Die tatsächliche Todesursache Schillers können die Forscher aus Deutschland, Österreich und den USA nun nicht mehr klären. Eine Untersuchung von "giftgrünen" Tapetenresten aus Schillers Arbeitszimmer fördert aber eine hundertfach höhere Schwermetall-Belastung der Luft mit Blei und Arsen als in einem heutigen Industriegebiet zutage. Die jahrelangen Krankheitssymptome Schillers - Bauchkrämpfe, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen - passen dazu. Letztlich ist er aber im Alter von 46 Jahren wahrscheinlich an Tuberkulose gestorben.

Über das eindeutige Ergebnis zu Schillers Schädel ist der Präsident der Klassik Stiftung Weimar, Hellmut Seemann, "eigentlich glücklich". Das "Wichtigste" ist, vor Schillers Sarg zu stehen und "keine Angst zu haben, wissen zu dürfen, was wir wissen können".

(ap)
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