Fotoausstellung „Zuhause“ im Kunstmuseum Bochum: Zurück nach Schwerin

Fotoausstellung „Zuhause“ in Bochum : Zuhause ist die Erinnerung an früher

In Bochum widmet sich eine Ausstellung dem Zuhause. Die Fotoschau geht zurück auf einen Wettbewerb des Unternehmens Vonovia.

Für Norman Hoppenheit ist Zuhause der Sommer in einer Schweriner Plattenbau-Siedlung. „Ich kannte so viele Kinder und die Siedlung war ein großer Spielplatz“, erzählt er. Dreesch, so heißt das Plattenbau-Viertel, ist ein Stadtteil der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns. Es ist einer dieser Orte, von dem die Menschen nach der Wende reihenweise fortzogen. Norman Hoppenheits Familie ging nach Kiel, da war er sechs, und als auch die Verwandtschaft die Platte verließ, war es mit den Besuchen dort vorbei. Hoppenheit wurde im Westen zum „Ossi“ und Dreesch zu einer Erinnerung.

Heute ist er Fotograf, und für eine Bilder-Serie hat Norman Hoppenheit die Erinnerung eingeholt. Er ist noch einmal nach Dreesch gefahren, hat das Leben der heutigen Bewohner dokumentiert, mit klarem Blick und ohne Übertreibungen. Der Fotograf hatte offensichtlich kein Interesse daran, dem verklärten Blick auf den abgerissenen Osten etwas hinzuzufügen, und am schönsten sind deshalb seine Bilder junger Bewohner geworden, die sind Hoppenheit, Jahrgang 1984, wohl noch nahe. Man sieht sie zum Beispiel eng umschlungen, in ganz eigenen Sphären. Die Unmittelbarkeit dieser Aufnahmen geht denn auch dem Betrachter nahe.

Es ist schon überraschend, was die Leute so alles ihr Zuhause nennen. Ein Land, eine Stadt, eine Siedlung. Die eigenen vier Wände. Eine Religion. Ein Brauchtum. Eine Kindheitserinnerung. Im Kunstmuseum Bochum ist nun eine Foto-Schau zu sehen, die „Zuhause“ heißt, und was sie sich darunter vorstellten, war den Fotografen überlassen, deren Arbeiten ausgestellt werden. Es ist eine Übersicht, die auf den „Vonovia Award für Fotografie“ zurückgeht, gezeigt werden Fotografien der Gewinner und der Nominierten der Shortlist. Norman Hoppenheit belegte den ersten Platz.

Verliehen wird der noch junge Preis seit 2017 jährlich, Stifter ist das Immobilienunternehmen Vonovia, das in Bochum zu Hause ist und allein dort 12.000 Wohnungen vermietet. Deutschlandweit sind es 358.451. Das Unternehmen ist bekannt als größter Vermieter des Landes und von Mietvereinen und Verbraucherschützern viel kritisiert für seine hohen Nebenkostenabrechnungen und steigende Mietpreise nach Modernisierungen. Als besonders philanthropisch galt Vonovia bislang nicht, das macht dieses Kultursponsoring umso interessanter.

Zumal der Fotopreis mit insgesamt 42.000 Euro vergleichsweise hochdotiert und die Jury stark besetzt ist. Peter Blitzer, Geschäftsführer der Bildagentur Laif, und Ute Mahler, Gründerin der Ostkreuz-Schule, gehören zu den Juroren. Vonovia lässt sich das etwas kosten, und man möchte gerne wissen: Wie kommt’s?

Die Fotografie sei ein gutes Medium, um das Thema Zuhause abzubilden, sagt Unternehmenssprecher Max Niklas Gille. Hinzu käme das persönliche Interesse von Mitarbeitern und Führungskräften an Fotografie, sodass man sich dafür entschieden habe. An seinem Ruf – laut Geschäftsbericht 2018 hat Vonovia sein Image als wichtigen Risikofaktor identifiziert – will das Unternehmen mit dem Wettbewerb nur bedingt arbeiten. „Natürlich freuen wir uns über ein gutes Feedback“, sagt Gille, „aber der Wettbewerb ist keine Reaktion auf die mediale Berichterstattung über uns.“ Hier gehe es um die Kunst.

So sieht es auch das Museum, das sich nach eigenem Bekunden um die Ausstellung bemüht hatte, um die durchaus beachtliche Qualität der Arbeiten zu würdigen. Im vergangenen Jahr hatte Vonovia die Einsendungen noch im Technischen Rathaus der Stadt Bochum ausgestellt, das sahen die Museums­leute und fanden das dann doch etwas hemdsärmelig. Nun also die große Bühne für die Bilder. Aber adelt man nicht auch Vonovia? Für ein städtisches Museum ist das so eine Sache. Natürlich mache man sich da Gedanken, sagt Museumsdirektor Hans Günter Golinski. „Es ist ja nicht so, dass wir an der Wirklichkeit vorbeileben.“

Andererseits werde man „bei jeder Kulturinstitution, die wirtschaftlich arbeitet und auf Sponsoren angewiesen ist, Aspekte finden, die man kritisieren kann“. Nehme man nur mal die Kunststiftung NRW, die zahlreiche Projekte im Land unterstützt und durch Lotto-Einnahmen finanziert wird, also durch das Glücksspiel, so der Museumschef. „Vonovia ist Teil unserer Stadtgesellschaft, im Guten wie im Kritischen. Unsere Aufgabe als Museum ist es ja gerade, einen Ort der Auseinandersetzung zu schaffen.“

Rund 200 Arbeiten von drei Dutzend Fotografen sind in Bochum nun jedenfalls ausgestellt, 5000 Bilder von mehr als 400 Fotografen waren für den Wettbewerb eingegangen. Das Preisgeld – 15.000 Euro für den ersten Platz – hätten sicher alle gut gebrauchen können, viele der Fotografen stehen noch am Beginn ihrer Karriere. Was auffällt: Unter dem Gezeigten ist selten das Naheliegende, wenn man an Zuhause denkt. Niemand hat seine Großeltern zwischen dunklen Schrankwänden auf der alten Ledercouch fotografiert. Zynisch betrachtet kommt dem noch das Bild eines früheren Bergmanns am nächsten, der sichtlich gezeichnet daheim auf dem Sofa liegt. Nanna Heitmann, Preisträgerin in der Kategorie „Nachwuchs“, hat für ihre fotojournalistische Serie „Weg vom Fenster“ die Schließung der Zeche Prosper-Haniel begleitet und zeigt neben den oft gesehenen Bildern von Kumpeln und Kauen auch Alfons. Diagnose: Lungenkrebs.

Snezhana von Büdingen hat eine junge Frau mit Down-Syndroom begleitet und das Leben der 19-Jährigen in einem Dorf im Harz dokumentiert; Lia Darjes porträtierte für die Serie „Beeing Queer. Feeling Muslim“ homo- und transsexuelle Menschen, deren Sexualität religiösen Konventionen widerspricht und, so die Fotografin, die ihr kulturelles Zuhause trotzdem im Islam sehen. David Kregenow zeigt, wie noch bewohnbare Häuser in Berlin weggebaggert werden, um Platz für neue Wohnhäuser zu machen. Und Paula Markert (zweiter Platz im Wettbewerb) hat in den Stadtteiltreffs und Hilfseinrichtungen des strukturschwachen Hamburger Viertels Steilshoop eine sehr vitale Nachbarschaft fotografiert – die Großwohnsiedlung stammt übrigens aus dem Vonovia-Portfolio. Aber das ist Zufall.

Das Unternehmen selbst arbeitet derweil weiter an seinen Kultur-Kompetenzen. Der dritte Foto-Wettbewerb ist ausgeschrieben. Und das Beste aus einem neuen Skulpturen-Wettbewerb soll bald vor Vonovia-Häusern aufgestellt werden.

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