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Gilbert & George - Ikonen der zeitgenössischen Kunst: Exzentrisch, lüstern, depressiv

Gilbert & George - Ikonen der zeitgenössischen Kunst : Exzentrisch, lüstern, depressiv

Hamburg (RPO). Gilbert & George trennen sich nur äußerst selten. Allenfalls wählen sie ab und an mal einen unterschiedlichen Weg zum Restaurant. Seit mehr als 40 Jahren lebt und arbeitet das Paar zusammen, das zu den Weltstars der zeitgenössischen Kunst zählt. Museen reißen sich um die äußerlich biederen britischen Dandys, die ihre Kreativität, ihre Ideen, ihre Kraft in ihren Bildern explodieren lassen. Jetzt ist eine Schau in Hamburg zu sehen.

Hamburg (RPO). Gilbert & George trennen sich nur äußerst selten. Allenfalls wählen sie ab und an mal einen unterschiedlichen Weg zum Restaurant. Seit mehr als 40 Jahren lebt und arbeitet das Paar zusammen, das zu den Weltstars der zeitgenössischen Kunst zählt. Museen reißen sich um die äußerlich biederen britischen Dandys, die ihre Kreativität, ihre Ideen, ihre Kraft in ihren Bildern explodieren lassen. Jetzt ist eine Schau in Hamburg zu sehen.

Mit vollem Einsatz haben Gilbert und George an ihrer neuesten und bislang umfangreichsten Serie gearbeitet: "Wir stecken voller Ideen über die Kunst, die wir gerne machen", erklären Gilbert & George die Entstehungsgeschichte.

Die Tage und Nächte seien kürzer und kürzer geworden, sie hätten härter als jemals zuvor gearbeitet. Warum sie sich das antun? "Du musst ohnehin immer wieder von vorne anfangen im Leben. Hört etwas auf, beginnt etwas", beschreibt Gilbert. Helfende Assistenten, wie sie bei Künstlern üblich seien, hätten sie nicht, brauchten sie nicht, wollten sie nicht.

Liebe auf den ersten Blick

Gilbert Prousch und George Passmore, geboren 1943 in Italien beziehungsweise 1942 im britischen Plymouth, begegneten sich am 25. September 1967 zum ersten Mal. Beide belegten damals Anthony Caros Skulpturenklasse der Londoner St. Martins School of Art. Zusammengekommen sind sie nur, wie sie sagen, weil George die einzige Person gewesen sei, die Gilberts schlechtes Englisch verstanden habe. Und es war "Liebe auf den ersten Blick".

Bekannt wurden sie durch ihre Performance-Auftritte als "living sculptures". Mit der Idee, sich selbst als "lebende Skulpturen" zum Material ihrer Kunstwerke zu machen, erweiterten sie den Skulpturbegriff in den 60er Jahren. Seitdem variieren die Weltstars aus dem Londoner East End ihre Kunst immer wieder neu, um den Kontext des sozialen Lebens zu beleuchten.

1980 schon sagten sie über sich: "Wir sind ungesund, mittleren Alters, zotiger Gesinnung, exzentrisch, lüstern, depressiv, zynisch, leer, ausgebrannt, schäbig, hundsgemein, verträumt ungehobelt, unmanierlich, arrogant, intellektuell, wehleidig, ehrlich, erfolgreich, tüchtig, zuvorkommend, künstlerisch, religiös, faschistisch, blutrünstig, neckisch, destruktiv, ehrgeizig, farbenprächtig, verdammt, stur, pervertiert und gut. Wir sind Künstler."

Kunst für alle

All jene Facetten zeichnen ihr komplexes Werk aus und offenbaren sich auch in den "Jack Freak Pictures". Sie gehörten zu den symbolträchtigsten, philosophisch ausgeklügeltsten und visuell schlagkräftigsten Arbeiten, die Gilbert & George jemals hervorgebracht haben, sagt Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow. Und erneut ist das Paar darin Schöpfer und Protagonist der eigenen Bildwelt zugleich - stets gehüllt in das britische Nationalsymbol, den Union Jack, in seinen sämtlichen Deutungen.

Die Serie ist monumental, voller Emotionen der Künstler und des Menschen allgemein und steht abermals für das lebenslange Credo der beiden Herren, die sich ihren jugendlichen Charme bewahrt haben: "Kunst für alle". Vehement lehnen sie es ab, ihre Arbeit von ihrem alltäglichen Leben zu trennen. Alles, was sie machten, sei Kunst, gestehen die Unzertrennlichen, die in verstörender Weise danach fragen, woher wir kommen.

Dabei bilden sie lediglich das Leben ab, den Alltag , den Lauf der Dinge mit Tod, Hoffnung, Leben, Angst, Sex und Geld. Ihre Bilder seien wie ein Buch, in dem die Menschen lesen könnten. "Sie können es mögen, nicht mögen, aber sie sind Teil unserer Welt, unseres Verhaltens, unseres Lebens", sagen Gilbert & George, die für die Freiheit des Individuums kämpfen.

Ihre 118 großformatigen Arbeiten sind bis 22. Mai in der kathedralenartigen Architektur der großen Deichtorhalle erstmalig nahezu komplett zu sehen. Die Ausstellung ist die einzige Deutschlandstation auf der Europatournee des lustvoll tabubrechenden Duos und ihre erste Schau in Hamburg überhaupt.

(csr/rm)