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Ein ganz Großer: Zum Tod von Christian Boltanski

Gedächtniskunst als Lebenswerk : Konzeptkünstler Christian Boltanski ist tot

Der Franzose gehörte zu den in Deutschland bekanntesten Künstlern seines Heimatlandes. Sein Werk galt der Erinnerung.

(dpa) Mauern aus Metallkästen, nackte Glühbirnen, die von der Decke hängen, kaltes Licht, Stapel von getragenen und ungetragenen Kleidern: Requisiten, die auf anonyme Menschen und Schicksale verweisen – und mit denen Christian Boltanski gegen das Vergessen kämpfte. Ein Sujet, das in engem Zusammenhang mit dem Leben des Künstlers stand, der 1944 in Paris als Sohn eines jüdischen Vaters geboren wurde. Im Alter von 76 Jahren ist Boltanski nun in Paris gestorben.

Boltanskis Erinnerungskunst ist weltweit bekannt. In Deutschland war der Künstler schon früh sehr gefragt. Mitte der 70er nahm er an der Documenta in Kassel teil. Im Neubau der Berliner Akademie der Künste entwarf er eine ständige Rauminstallation.

Bei der Ruhrtriennale 2005 leitete Boltanski in Essen in der Kokerei der Weltkulturerbe-Zeche Zollverein mit Andrea Breth und Jean Kalman das Projekt „Nächte unter Tage“: Kleiderballen, die von Arbeitern immer wieder neu geordnet wurden, und Mäntel, die sich an Transportbändern bewegten. Einen Platz im Weltkulturerbe Völklinger Hütte bekam er mit einer Installation aus Spinden, aus denen gesprochene Erinnerungen einstiger Arbeiter ertönen. 2018 entwarf Boltanski dort auch einen Erinnerungsort für Menschen, die in den Weltkriegen Zwangsarbeit in der Völklinger Hütte verrichten mussten.

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„Deutschland räumt der zeitgenössischen Kunst mehr Bedeutung ein als Frankreich“, sagte Boltanski einmal in einem Gespräch in Paris. Aber nicht nur deshalb fühlte er sich in Deutschland wohl: „Mir liegt die Mentalität. Während man in Deutschland nach einem Abendessen über Philosophie diskutiert, tauscht man in Frankreich Höflichkeiten aus und vermeidet ernste Themen.“

Anfänglich widmete sich Boltanski der Malerei, bis er Ende der 60er sein Gedächtniswerk schuf, das auf Emotionen basierte – jenseits großer Theorien. Ab 2008 verfolgte er das Projekt „Les Archives du Cœur“: Herzschläge von Menschen aus aller Welt, die er aufzeichnete und archivierte. Erst 2019 widmete das Pariser Centre Pompidou ihm eine umfangreiche Retrospektive.

In seinen letzten Jahren hat sich Boltanski immer mehr mit dem eigenen Tod auseinandergesetzt. Wie in einem Werk von 2014, „Letzte Sekunde“: eine riesige Digitalanzeige, die die Sekunden des Lebens zählte, und mit seinem Tod aufhören sollte.

(dpa)