1. Kultur
  2. Kunst

Die Kunstsammlung NRW ehrt die Minimal-Art-Vertreterin Charlotte Posenenske

Ausstellung : Kunstriesen einer stillen Rebellin

Die Kunstsammlung NRW ehrt die fast vergessene Minimal-Art-Vertreterin Charlotte Posenenske (1930-1985), die einst in der Galerie Konrad Fischer eine ihrer wichtigsten Ausstellungen hatte.

Kein Wunder, dass die 1985 gestorbene Charlotte Posenenske – Vertreterin der Minimal Art – nicht so berühmt geworden ist wie ihre männlichen Mitstreiter, die Donald Judd, Carl Andre, Richard Serra oder Sol LeWitt hießen. Erstens war die Tochter eines jüdischen Vaters, der 1940 in Verzweiflung Suizid beging, radikal und konsequent wie kaum eine zweite. Und sie war anders als die amerikanischen Protagonisten deutsch, geboren in Wiesbaden, indes dank ihrer Begabung und ihres Studiums bei Willi Baumeister breit aufgestellt: eine Bildhauerin, Bühnenbildnerin und Malerin, eine Konzeptkünstlerin, die als junges Mädchen die letzten Monate der Nazizeit in einem Versteck überlebt hatte.

Nun vermutet man womöglich (und fälschlich), dass repräsentative Museen in New York, Barcelona, Luxemburg und Düsseldorf sie aus markttechnischen Gründen heute wiederentdecken könnten. Weit gefehlt, denn auch darin beschritt Posenenske einen eigenen Weg. Sie trat an, die Kunst zu demokratisieren, ihr Werk war unsigniert, unendlich reproduzierbar und zum Selbstkostenpreis erwerbbar. Sie gab die Autorenschaft ab, und sie verweigerte sich den Mechanismen des Kunstmarktes. Heute sind so gut wie keine Originalwerke mehr im Angebot; und das, was man erwerben kann, gibt es schon für ein paar tausend Euro.

Nach zwölf Jahren Schaffenszeit gab sie, frustriert von der Wirkungslosigkeit zeitgenössischer Kunst, im Alter von 38 Jahren auf und wandte sich dem Studium der Soziologie zu. „Kunst löst keine Probleme“, so ihr bitteres Resumee.

Das heterogene, seine Zeit intonierende Werk von Charlotte Posenenske ist nun mit großer Wucht und in voller Breite im K 20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ausgebreitet. Wer sich für Kunst interessiert, wird den Kontrast zwischen Picasso in der einen Halle und Posenenske in der anderen, größeren, nicht nur als Zeitsprung, sondern als Paradigmenwechsel erleben.

Posenenskes technoide Riesen hat Kuratorin Isabelle Malz nach eigenen Vorstellungen aufbauen dürfen. Die anonymen, aus Rohren gefertigten Plastiken formieren sich als kalte Monstren zur Herde, können ebenso als Horde menschenähnlicher Figuren erlebt werden. Die Technik eroberte die Welt nach dem Krieg und drohte sie zu ersticken, wie wir heute wissen.

Vor dem Materialgebirge in der riesigen Halle stehend, fällt der Blick eingangs auf eine Video-Dokumentation, die einstimmt auf die Zeit, als die Nachkriegskünstler zum Aufbruch bliesen und emanzipatorische, gesellschaftsverändernde Inputs gaben.

Posenenske lernte Konrad Fischer, damals noch als Künstler Konrad Lueg aktiv, in Frankfurt bei der Aktion „Dies alles wird einmal dir gehören“ kennen, der sie dann in seiner in der Neubrückstraße eröffneten legendären Düsseldorfer Galerie gemeinsam mit Hanne Darboven ausstellte. Damals wie heute wird man ihr Werk als Aufbruch in eine neue Zeit werten, mit Appellen, performativen Impulsen und der Aufforderung zur Interaktion.

„Kunstspielzeug für die Ausstellungsbesucher“, übertitelte dann auch eine Schwarzwälder Tageszeitung 1962 die Ausstellungskritik von Posenenskes Werke, freilich die ihnen innewohnende Kraft bagatellisierend. In der Düsseldorfer Ausstellung darf der Besucher bei einer Arbeit tatsächlich Hand anlegen: gleich beim Eintritt, an dem (nachkonstruierten) grauen Drehflügel Serie E von 1967. Dreieck und Viereck fallen bei dieser an sich trostlosen Anordnung spielerisch übereinander her, Öffnungen ergeben und verschließen sich.

Posenenske gehörte zu der Generation, die die Kunst von Grund auf in Frage stellte, die dazu Manifeste verfasste und für die Abstraktion, Geometrie, Reihung, Rhythmen und Serien eine Rolle spielten. Ihr zeichnerisches und malerisches Werk sowie ihre farbigen Wandreliefs sind weniger ernst, farblich-freundlich, sie rahmen die Ausstellung als leuchtende Zeitzeichen ein.

Die 1960er Jahre waren eine große Zeit des Experiments. Mit Faltungen, Spachtelungen, Markierungen, mit Klebeband und Sprühflasche blähte die Künstlerin ihre Malerei auf und zog sie dreidimensional in den Raum hinein. Daneben sind nackte und leise Rasterbilder zu sehen, die zeitgleich in Düsseldorf Künstlerkollegen wie beispielsweise Heinz Mack oder auch Günther Uecker auf ihre Art und Weise erstellten. Das Schöne dieser Schau: Sie ist der Nachklang einer wichtigen Kunst-Epoche, das schwarz-weiße metallische Rauschen einer bewegten Zeit.

Susanne Gaensheimer ist diese Ausstellung in mehrfacher Hinsicht wichtig, sind Konzeptkunst und Minimalismus doch Sammlungsschwerpunkte der Landesgalerie. Durch den Erwerb der Sammlung Fischer im Jahr 2014 konnte Hochkarätiges hinzugewonnen werden. Nur eine wie Posenenske fehlte noch. „Wir werden ihr einen Platz in der Sammlung geben“, versprach die Direktorin gestern. Einen Vorgeschmack darauf kann man jetzt schon haben.