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Serie: Rheinische Pioniere: Der Jahrhundert-Maler Gerhard Richter

Serie: Rheinische Pioniere : Der Jahrhundert-Maler Gerhard Richter

Wie einst Picasso schlägt der aus Dresden stammende, in Köln lebende Gerhard Richter immer wieder eine neue Richtung ein. Er wurde weltberühmt.

Warum ist Gerhard Richter nicht nur berühmt, sondern auch bedeutend? Und warum belegt er seit 2010 Jahr für Jahr den ersten Platz im Kunstkompass, einer vom "Manager Magazin" zusammengestellten Weltrangliste der lebenden Künstler? Warum haben Sammler für seine Werke in Auktionen der vergangenen Jahre sage und schreibe 558 Millionen Euro ausgegeben?

Wenn man den inzwischen 82-jährigen Kölner Maler mit Wurzeln in Dresden auf die Rekordsummen anspricht, die seine Bilder auf dem Kunstmarkt erzielen, schüttelt er meist den Kopf und äußert sein Unverständnis angesichts der Preisblüten. Doch vermag er darauf selbstverständlich nicht Einfluss zu nehmen, und selbst wenn er es könnte, würde er sich diesem "Zirkus" verweigern. Denn es gibt kaum einen anderen bekannten Künstler der Gegenwart, der sich so konsequent von der Öffentlichkeit fernhält wie Gerhard Richter. Er ist nicht der Typ, der in Talkshows seinen Ruhm genießt — ganz abgesehen davon, dass er es auch nicht nötig hat, sich womöglich kritischen oder laienhaften Fragen auszusetzen. Bei Pressekonferenzen zu seinen Ausstellungen wirkt er in der Regel einsilbig, tut so, als verstehe er selbst nicht ganz, warum die Menschheit ihn für so wichtig hält.

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Sitzt man ihm dann einmal in einem Privatissimum gegenüber, offenbart sich ein ganz anderer Gerhard Richter — einer, der es versteht, seinem Gesprächspartner in zwei, drei Sätzen eine neue Welt zu erschließen, einer, der viel nachdenkt über das, was er in seinem Atelier anstellt, auch einer, der weiß, dass nicht jedes seiner Kunstwerke es verdient, aus der Werkstatt auf den Kunstmarkt entlassen zu werden — zudem einer, der einen wunderbar trockenen Humor hat. Wenn denn Richter ein Genie ist, dann bestätigt sich in seinem Falle bloß Thomas Alva Edisons Weisheit: "Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration."

Die jahrzehntelange Arbeit hat sich ausgezahlt, ideell wie materiell. Richters Erfolg beruht darauf, dass er als Künstler zeit seines Lebens etwas mehr wagte als andere, die dieselbe, in den meisten Fällen brotlose Kunst zur Lebensaufgabe erwählt hatten. Vor allem wagte er es, nicht ernstgenommen zu werden von einem im Geiste des 19. Jahrhunderts geschulten Publikum, das Kunst nur dann gelten ließ, wenn sie das Edle und Schöne verkörperte. Richter riskierte auch Missverständnisse — zum Beispiel, als er elf Jahre nach dem 18. Oktober 1977, dem Tod dreier führender Terroristen der Baader-Meinhof-Bande in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim, einen schwarz-weißen Bilderzyklus in die Welt setzte, der über eine bloße Verdammung jenes Terrorismus weit hinauswies.

Was Richter ebenso über die meisten seiner malenden Zeitgenossen erhob, ist die Tatsache, dass er ästhetisch immer wieder eine neue Richtung einschlug, kaum hatte er einen Stil zur Perfektion gebracht. In dieser Beziehung ähnelt er Pablo Picasso.

Das alles aber hätte wohl noch nicht gereicht, Gerhard Richter an die internationale Spitze der Gegenwartskünstler zu katapultieren. Es kommt hinzu, dass er seit je über ein außergewöhnliches Gespür für Ästhetik verfügt und eine Antenne für den Zeitgeist hat. Die wiederum hätte er wohl nicht ohne die eigene Biografie, aus der er schöpft: einem Lebenslauf, in dem sich das 20. Jahrhundert spiegelt. Auch darin zeigt sich eine Parallele zu Picasso.

Punkt eins: Richter hat die politische Teilung Europas und des Globus am eigenen Leib erfahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er die Kunstakademie in Dresden besucht, als Künstler sogar Staatsaufträge für die DDR ausgeführt und dann festgestellt, dass ihm im Osten das Wichtigste für eine Künstlerlaufbahn fehlte: die Freiheit. Über Berlin und Wilhelmshaven floh er 1961 nach Düsseldorf und setzte dort an der Akademie sein Studium fort.

Punkt zwei: Richter machte die Erfahrung, dass die Freiheit, die er meinte, rauer war, als er vermutet hatte. "In Düsseldorf wurde man hart angefasst", so erinnert er sich. Drüben, im Osten, war alles so gemütlich und übersichtlich. Es gab diejenigen, die sich dem System angepasst hatten, und solche, die dagegen waren. In Düsseldorf aber hatte jeder eine andere Meinung.

Punkt drei: Gerhard Richter war, ohne dass ihn eine Schuld trifft, in die Zeit des Nationalsozialismus verwickelt. 1945 ermordeten NS-Ärzte innerhalb des Euthanasie-Programms seine Tante Marianne. Richters späterer Schwiegervater, Professor Heinrich Eufinger, zählte als Obersturmbannführer und Verantwortlicher für die Zwangssterilisierungen in Dresden zu den Tätern des "Dritten Reichs". Richter hat beide mehrfach porträtiert, ohne dass er, wie er sagt, die Umstände kannte.

Punkt vier: Richter war so neugierig, dass er seiner Kunst immer wieder neue Felder zu erschließen suchte. Das reicht bis in die Chemie (man denke an seine Werke "Silikat" und "Strontium") und bis zur scheinbar unsakralen Gestaltung eines Fensters des Kölner Doms.

Gerhard Richter war also in mehrfacher Hinsicht Pionier, und er ist es bis heute geblieben — auch deshalb, weil seiner Kunst ein tiefes Misstrauen gegenüber den Aussagemöglichkeiten von Kunst zugrunde liegt, das ihn immer wieder neu aufbrechen lässt. Schon die unscharfen schwarz-weißen Gemälde, die wie verwackelte Fotografien wirken, warfen die Frage auf, wie sicher das eigentlich ist, was unsere Sinne uns als Erkenntnis zuleiten.

Kurzum: Richters Bedeutung ergibt sich aus seiner hohen Begabung, den Zeitumständen, in die er geboren wurde und die er erfasste, und aus seiner Gabe, einen Schritt beiseitezutreten und in seiner Kunst die Kunst selbst in Frage zu stellen. Das wurde nicht erst sein Thema, als er bereits Erfolge feierte. Schon in den Anfangsjahren war er ein junger Wilder. "Ich wollte damals die Kunst zerstören — nicht nur um bekannt zu werden; es war auch Überzeugung. Gleichzeitig wollte ich das ganze Gegenteil, also die hohe Kunst, die beständige Qualität."

Darüber, was in der Kunst Qualität ist, lässt sich wunderbar streiten. Der Satiriker Ephraim Kishon hat seinerzeit die moderne Kunst durch den Kakao gezogen und dafür reichlich Applaus geerntet — nur hat er nicht recht behalten. Fast zehn Jahre nach seinem Tod spricht der Kunstmarkt eine andere Sprache. Weltweit reißen sich die Sammler darum, nicht nur Filz-und-Fett-Arbeiten von Joseph Beuys, sondern auch solch scheinbar schlichte Produkte wie das Bild von einer brennenden Kerze zu ersteigern.

Richters "Kerze" fand im Februar 2008 bei Sotheby's für 10,57 Millionen Euro einen Käufer und machte damit ihren Schöpfer zum teuersten damals lebenden Maler Deutschlands. Das Bild ist Bestandteil einer Serie, die Richter Anfang der 80er Jahre malte, und gilt als Symbol für den schweigenden Protest der DDR-Bürger gegen das sozialistische Regime.
So steckt in moderner Kunst oft mehr, als man ihr zunächst anmerkt. Und mancher Künstler, den vorschnelle Zeitgenossen für verrückt erklären oder als Scharlatan verdammen, ist in Wirklichkeit lebenslang ein Pionier, ein kluger Kopf.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gerhard Richter eröffnete Ausstellung

(RP)