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Ausstellung in Berlin: Der betrogene Blick

Ausstellung in Berlin : Der betrogene Blick

(RP). "Innen Stadt Außen" heißt eine raffinierte Ausstellung des dänischen Künstlers Olafur Eliasson im Berliner Martin-Gropius-Bau. Bei ihm ist der Betrachter Teil der Schau. Spiegel irritieren seine Wahrnehmung und lassen Innen und Außen verschmelzen.

Die von Wind und Wetter, Zeit und Zerfall zugerichteten Gehwegplatten aus Granit liegen wie archaische Ready-Mades auf dem Museumsboden. Auf ihnen stolpert der Besucher im Berliner Martin-Gropius-Bau von einer Sinnestäuschung in die nächste. Im Farbspektrum von Scheinwerfern erscheint das eigene Konterfei als buntes Bewegungsbild. Aus dem Fenster des ersten Stockwerkes fällt der Blick auf eine Rasenfläche. Ein anderes Mal schaut der Betrachter hinaus, sieht auf die Museumsfassade: Im Fenster des scheinbar gegenüber liegenden Gebäudes erblickt er — ja, was wohl? — natürlich wieder nur sein eigenes Spiegelbild: Was ist innen, was außen? Was ist Museum, was städtischer Raum? Was ist Kunst, was Realität? Was ist Natur und was Architektur?

Olafur Eliasson spielt virtuos mit Kunst-Kategorien und Wahrnehmungs-Irritationen, bringt Raum, Körper und Zeit, Licht und Schatten zum Tanzen. Seit 15 Jahren lebt der 1967 als Sohn isländischer Eltern in Kopenhagen geborene Künstler in Berlin. In der deutschen Hauptstadt unterhält er ein Atelier mit 30 Mitarbeitern und ein Labor für Raumerforschung. Er lehrt als Professor an der Universität der Künste und leitet ein Institut für Raumexperimente.

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Während Eliasson zu einem international gefragten Kunst-Star avancierte, in der Londoner Tate Modern mit seinem "Weather Project" massenwirksam die Sonne auf- und untergehen ließ und in Manhattan mehrere Millionen Zuschauer mit seinen "New York City Waterfalls" faszinierte, gab sich Berlin lange zugeknöpft. Das ändert sich jetzt schlagartig. Bereits am ersten (eintrittsfreien) Tag bilden sich vor dem Martin-Gropius-Bau lange Schlangen; neugierig ist man, was Eliasson unter dem Titel "Innen Stadt Außen" mit Raum und Licht angestellt hat, um den Betrachter zum Akteur seiner Wirklichkeitsbrechungen zu machen.

Es ist eine ganze Menge. Und fast immer stehen Spiegel im Mittelpunkt. In der vor dem Museum aufgebauten Spiegelwand ("The Curious Museum") sieht sich der Betrachter als jemand, der von innen nach außen und wieder zurück schaut. Im Lichthof hat Eliasson ein gigantisches Gerüst aufgebaut und mit Spiegelfolien versehen ("Mikroskop"). Das durch die Glaskuppel fallende Licht vervielfältigt die Kuppel und die auf wackligen Beinen durch den Korridor wankenden Betrachter. Leicht schwindelig wird einem auch beim Gang durch ein Labyrinth aus Nebel und Farben ("Your Blind Movement"). Man sieht die Hand vor Augen nicht und stakst unsicher durch bunte Nebelbänke. Die Mitmenschen sind nah und doch ganz fern.

19 Räume, 19 Überraschungen. Und immer lässt Eliasson den Besucher teilhaben, zeigt er ihm, dass das Kunstwerk nur durch ihn und für ihn existiert. Kunst als Übung in Demokratie: Auf einem langgestreckten Tisch im "Model Room" liegen unzählige, aus Holz, Papier und Pappe zusammengebosselte Mini-Modelle seiner Arbeiten. Kunst, so lautet wohl die Botschaft, kann so einfach sein. Und überall.

Deshalb ist Eliasson auch hinaus in die Stadt gegangen. Jetzt stehen an manchen Straßenecken seltsame Fahrräder mit verspiegelten Speichen, liegen auf den Gehwegen Baumstämme wie angespültes Treibholz. Und auf der Pfaueninsel, wo einst ein Preußenkönig seine Geliebte empfing, scheint ein Ufo aus Glas und Stahl gelandet zu sein. Blickt man von innen durch die geschwärzten Scheiben des "Blind Pavilion" nach außen, sieht die Berliner Natur plötzlich ganz anders und wie neu erfunden aus. Die Grenzen verschwimmen, innen wird außen, Realität zur Kunst. Und umgekehrt. Da sollte man dabei sein.

(RP)