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Kunst-Stars: Daniel Richters schrille Mal-Lust

Kunst-Stars : Daniel Richters schrille Mal-Lust

Hamburg (RP). Der Hamburger Maler zählt mit den Fotografen Gursky, Ruff, Struth und dem Leipziger Neo Rauch zu den deutschen Kunst-Stars der mittleren Generation. In der Hamburger Kunsthalle ist jetzt sein Werk zu sehen.

Die Preise für seine Bilder klettern zurzeit auf dem internationalen Kunstmarkt in Richtung eine halbe Million Euro. Zusammen mit seinem Leipziger Freund Neo Rauch bildet Daniel Richter das phänomenale Doppelgestirn am Himmel der neuen deutschen Malerei. In der Hamburger Kunsthalle ist jetzt die erste große Retrospektive des 44-Jährigen zu sehen, dessen Karriere in der Autonomenszene der Hafenstraße in St. Pauli begann.

Seine Lehrer an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg hatten ihn gewarnt: Bilder nie überfrachten! Als Daniel Richter 1995 die Hochschule verließ, gab es für ihn nichts Spannenderes, als die Grenzen auszuloten, wo diese Überfrachtung beginnt. 53 große Leinwände, entstanden zwischen 1995 und 2007 - sie demonstrieren das überbordende Maltemperament Richters, der seine Bilder so rasant mit Formen und Farben befrachtet, dass sie ihm heute nahezu "unter dem feuchten Pinsel" weggekauft werden.

Das Großformat (230 mal 320 Zentimeter) "Alles ohne Nichts", das der in Hamburg lebende und in Berlin arbeitende Künstler erst 2007 vollendete, wurde aus einer Moskauer Sammlung nach Hamburg heimgeholt. Das Gemälde ist ein typisches Beispiel dafür, wie der mit sämtlichen Wassern der zeitgenössischen Subkultur, mit Pop und Comic sozialisierte Künstler seine Bilder in die Kunstgeschichte einbindet.

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Vor dem Untergrund zahlloser bunter Farbquadrate - eine Reverenz an die Farbquadrate des berühmten Namensvetters Gerhard Richter - steht auf einem Podest eine geflügelte blaue Schmerzensgestalt, davor ein weißes Skelett: der Tod als Verfremdung eines Bildes von Max Ernst. Links ein Rabe, der eine Sanduhr mit einem blutigen Penis im Schnabel trägt. In eine Sprechblase, die aus dem Schnabel des Vogels kommt, ist das Wort "TSS!" eingeschrieben.

Bis zur Jahrtausendwende malte Daniel Richter ungegenständlich: von Farbmäandern, -labyrinthen, -schleifen überbordende Bilder. Vielschichtig, tiefgründig, bizarr. Richter behielt, auch als er 2000 figürlich zu malen begann, immer seine eigene Handschrift: spontan, heftig, manchmal schrill, bunt, brennend vor Mallust, nie langweilig.

Die Schwere der Inhalte bei den Bildern ab dem Jahr 2000, in welcher der an die Aufklärung glaubende und um ihr Scheitern wissende Künstler durchschlägt, werden oft durch die Bildtitel wortspielerisch konterkariert. Auch Melancholie und Ironie sind in dieser auf den ersten Blick so dynamisch bunt erscheinenden Bilderschau zu entdecken.

Masse Mensch als Skelett

"Lonely Old Slogan" nannte Richter ein schwarz-weißes Bild von 2006, auf dem eine Gestalt in Rockermontur, auf dem Jackenrücken der Satz "Fuck the Police", im Dunkeln vor einem hellen Fenster steht. Die Malweise hat sich mit der Entwicklung der figürlichen Malerei seit 2000 deutlich verändert. Es wird nicht mehr so dick aufgetragen. Die Masse Mensch tritt in Form von Skeletten auf. Der Totenkopf ist ein neues Signum der zurückliegenden Jahre. Auch die Farben sind schriller geworden.

Ein Thema für sich wäre eine Untersuchung, ob und wie sich die Freundschaft Richters mit Neo Rauch auf die Bilder des Norddeutschen ausgewirkt hat. Der eine im Ostharz und im Vorwende-Leipzig aufgewachsen, der andere in der schleswig-holsteinischen Provinz und in St. Pauli. Bei beiden sind die Mythen ihrer so verschiedenen Kindheit und Jugend in den Bildern zu entdecken.

Daniel Richter hat die Hängung der Hamburger Ausstellung entscheidend mitbestimmt. Und hat mit verdichteten und lockeren Passagen geradezu Wunder bewirkt in den schwer zu bespielenden Räumen des Ungers-Baus "Galerie der Gegenwart".