Bonn: Bundeskunsthalle zeigt Martin Kippenberger

Ausstellung : Bitteschön und Dankeschön

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt eine große Martin- Kippenberger-Schau. Sie ist das Abschiedsgeschenk des scheidenden Direktors Rein Wolfs.

Schön sind Sie gekommen!“ Diese eigenwillige und für Rein Wolfs typische Begrüßung erklang zum letzten Mal im Forum der Bundeskunsthalle, die der 59-jährige Niederländer nach sieben Jahren und rund 70 Ausstellungen  verlässt. Den Direktor zieht es in die Heimat. In Amsterdam übernimmt er die Leitung des berühmten Steldelijk Museums. Von Bonn verabschiedet sich Wolfs mit einem echten Coup, einer Retrospektive des Enfant terribles und Poeten der Kunst, Martin Kippenberger. Der Titel: „Bitteschön, Dankeschön – eine Retrospektive“.

Kippenberger habe in der Serie der großen Werkschauen der Bundeskunsthalle einfach gefehlt, sagte Wolfs völlig zu Recht, um dann herrlich verschraubt hinzuzufügen: „Alle Ausstellungen haben zu mir gepasst, diese aber besonders, das ist keine Ausstellung, die man sich nicht nicht wünschen würde.“ Was er meinte: Diese Kippenberger-Schau ist eine Herzensangelegenheit. Und in der Kuratorin Susanne Kleine, der die Realisierung oblag, hat er die denkbar beste Interpretin überhaupt gefunden: Sie hat von 1988 bis 1994 in der Kölner Galerie von Max Hetzler gearbeitet, wo Kippenberger, der „Heavy Burschi“, so ein Werktitel, seit den frühen 1980ern zum harten Kern der Hetzler Boys um Werner Büttner, Günther Förg, Georg Herold, Albert und Markus Oehlen gehörte. Ein Kreis, der mitunter eine laute, aggressive, muskulöse, Testosteron-gesättigte Kunst feierte.

Nicht jeder fand das toll: In der Zeitschrift „Wolkenkratzer“ wurde der 1953 in Dortmund geborene und viel zu früh 1997 in Wien gestorbene Kippenberger angegriffen – er sei ein dem Alkohol verfallener frauenfeindlicher Zyniker mit politisch fragwürdiger Haltung. Der vermutlich zurecht Gescholtene reagierte künstlerisch, produzierte sechs lebensgroße Männerskulpturen, die er mit dem Gesicht zur Wand unter dem Titel „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“ aufstellte. Zwei davon zeugen in der Bonner Schau von Kippenberger nicht sehr ernstgemeinter Zerknirschung.

Würden sie sich umdrehen, sähen sie ein wahres Pandämonium allerlei schräger Gestalten und künstlerischer Grobheiten: ans Kreuz genagelte Frösche, feiste Männer in überdimensionalen Doppelripp-Unterhosen (Kippenberger selbst), aufgedunsene Alltagshelden, einen hohläugigen Beuys, die verrenkten Gestalten aus Géricaults berühmtem Bild „Das Floß der Medusa“ und einen engen Raum, vollgepfercht mit (absichtlich) schlechter Skulptur. Kippenbergers schönstes Bild ist das programmatische „Die Verteilung der Mittelmäßigkeit“ von 1994. Eine Weltkarte, die mit pastoser Farbe grässlich bunt zugemalt, zugeschichtet ist. Es gibt auf dem ganzen Globus keinen Raum, der nicht durch Mittelmäßigkeit zugekleistert wäre.

 Zwölf Jahre zuvor hatte er seinen Kreuzzug gegen das traditionelle Rollenbild des Künstlers, gegen dessen Autorschaft am Bild, gegen die Allmacht des Gemalten schlechthin begonnen. Die Bilderskepsis schlug Anfang der 1980er überall hohe Wellen. Man reagierte mit Abkehr von der Malerei oder ertränkte wie die Neuen Wilden alle Zweifel in Hektolitern Farbe. Kippenberger hielt am Gemalten fest, zog sich aber als Person zurück. „Leiden warum – Leiden wozu“ (1982) begegnet mit der anonymisierten Handschrift Piet Mondirans dem Mythos des leidenden Genies. Ein Jahr zuvor hatte er den professionellen Plakatmaler Hans Siebert Bilder nach Kippenberger-Fotos malen lassen – „Lieber Maler, male mir“, heißt die Serie, die die Bonner Schau eröffnet.

Die Reihe der „I-Love-Bilder“ bedient sich frei des 1973 von Milton Glaser entworfenen „I Love NY“-Logos und verquatscht es zu: „I love Uhu + Pattex“, „I love no waiting“.... Tief in die Kiste sowjetischer Agitprop-Malerei greift Kippenberger mit Bildern wie „Sympathische Kommunistin“, „Arbeiten, bis alles geklärt ist“ und „Kulturbäuerin bei der Reparatur ihres Traktors“. Ironie und Kalauer gehen fließend ineinander über, so virtuos Kippenberger mit fremdem Bildmaterial umgeht, so kreativ nutzt er die Sprache.

„Lust am Text“ liest man in der umfangreichen Serie „Fred the frog“, in der Kreuzigungsmotive, Spiegelei, Frosch und Bierkrug variiert und mit Text in Beziehung gesetzt werden. Die Floskel „Bitteschön Dankeschön“, titelgebend für die Bonner Schau, findet sich hier an einer wichtigen Nahtstelle in Kippenbergers Oeuvre. Mit den „Hand painted Pictures“ kehrt Kippenberger nach Jahren der Verweigerung zur Autorschaft am Bild zurück – und er zeigt sich ungewohnt verletzlich. Die Serie basiert auf Foto-Selbstporträts, die den schwammigen Künstler im Badedress in Venice, L.A., ziemlich „unmännlich“ zeigen, wie Susanne Kleine konstatiert. Allegorisch aufgeladen würden in diesen malerischen Kabinettstückchen Scheitern und Hoffnung, Zerstörung und Rettung exemplarisch visualisiert, meint sie. Man müsse bei Kippenberger nicht alles verstehen, meint sie.

Gut so.Die lustvolle Demontage der Malerei überträgt Kippenberger in den späten 1980er Jahren auf die Skulptur: Auf die „Familie Hunger“ mit klobigen Figuren mit Loch im Bauch folgen 1987 die 45 Peter-Figuren, die sich analog zur dicht an dichten Petersburger Hängung in einem Raum der Galerie Hetzler drängten. Sperrmüll-Trouvaillen, Zitate, Readymades, Anspielungen an Carl Spitzwegs „Armen Poeten“, Peter Fischli und David Weiss, ein graues Bild von Gerhard Richter (1973), das zum Couchtisch verarbeitet wurde – all dies drängt sich in einen Raum. Es gibt keinen Unterschied zwischen „High“ und „Low“, keine Hierarchien in der Kunst. Susanne Kleine ist sich sicher: „Kippenbergers Haltung hat mitgerissen und eingenommen, sowohl im positiven als auch negativen Sinne“, schreibt sie in ihrem Katalogtext.

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