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Ausstellung Isa Genzken in der Kunstsammlung NRW K21 Düsseldorf

Ausstellung im K21 : Isa Genzken und die Sinuskurven des Lebens

Die Kunstsammlung NRW breitet im Ständehaus zwei Abschnitte ihres umfassenden Werkes aus: Die frühen, von Düsseldorf geprägten Jahre von 1973 bis 1983, und die grelle Gegenwart.

Sie wird selten in einem Atemzug mit den männlichen Superstars genannt. Und doch ist Isa Genzken international sehr anerkannt. Die Chefin der Kunstsammlung NRW ist geradezu vernarrt in das insiderische Werk: Susanne Gaensheimer hält Genzken neben dem US-Installationskünstler Mike Kelley für die wichtigste Kunstprotagonistin der Gegenwart. Mindestens vier Mal im Leben hat sie sich als Künstlerin verwandelt, ihre Formensprache neu erfunden. Der Kern ist konsistent geblieben. Über die Jahrzehnte lassen sich Sinuskurven eines dramatisch verlaufenden Lebens erkennen.

Mit einer groß geschnittenen Ausstellung will Gaensheimer das Rheinland mit dem Frühwerk einerseits und dem aktuellen Werk andererseits vertraut machen. Dazu hat sie eine Ausstellung im Ständehaus (K 21) errichtet, von der der erste Teil, die Jahre 1973 – 1983, bereits in Basel gezeigt wurden, während das „Hier und Jetzt“ eine Premiere ist.

Für Genzken, die 72 Jahre alt ist und in Berlin lebt, war Düsseldorf ein Meilenstein im Leben. Die Suche nach neuen Formen und Formaten der Kunst nach den Erschütterungen des Zweiten Weltkriegs war im Rheinland ausgeprägt – nicht zuletzt angeregt durch den Aufbruch der Kunstmärkte und den internationalen Künstleraustausch. Im Mutterleib sei sie schon Künstlerin gewesen, sagt Genzken, die sich in ihrer Düsseldorfer Zeit vor allem dem Minimalismus und der Konzeptkunst verschrieb. Die Konrad-Fischer-Galerie zeigte 1976 erstmals ihr Werk, an der Kunstakademie studierte sie in der Meisterklasse von Gerhard Richter, ihrem späteren Ehemann. Die Ehe wurde 1993 geschieden, im Anschluss soll die an einer bipolaren Störung leidende Bildhauerin erst einmal sehr unglücklich gewesen sein.

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Ihr Werk trägt die Handschrift der Meisterin, von ihrer Gabe als Zeichnerin berichtet die Schau, des Bildhauerischen sowieso, von der Begabung für Film und Fotografie, für Installation und Geometrie. Auch von ihrem feministischen Kampf, von Humor und ihrer Leichtigkeit, mit der sie Nächte durchtanzte, ist einiges zu erfahren. „Die Form folgt dem Gefühl“, schreibt eine Künstlerkollegin über sie. Der Betrachter ist für Genzken ein Bezugspunkt, sie fordert Empathie und gibt Persönliches preis. Im rotgetönten Pastellbild von 1973, einer Rarität, verbirgt sich sexuelles Begehren.

Kurator Søren Grammel sagt: „Genzken versteht es, die Grundfragen des Ästhetischen mit solchen der menschlichen Existenz zu verknüpfen.“ So rätselhaft wie dieses Ausnahmebild ist auch die undatierte Zeichnung eines Mannes, der Diabolo spielt. Er könnte dem Gesicht nach Vater Genzken sein. Das Perverse: Dass der Bartträger zwischen den Diabolo-Stöcken nicht einen Doppelkegel, sondern seinen Penis hin und herschwingen lässt. Ist es ein Aufschrei gegen das Männliche, gegen den Machismus in der Kunstwelt?

Das Frühwerk ist grundsätzlich abstrakt. An den Wänden fangen meterbreite Handzeichnungen das Auge. In Perfektion hat die junge Genzken mit Schwarz-Weiß-Stufen experimentiert. Das 120 Blätter umfassende Vries „Die Form entwickelt sich daraus, dass jede der fünf Farben jede andere Farbe berührt“ (1973) ist perfekt, geheimnisvoll und schön. Auf dem Boden liegen die berühmten Holzskulpturen, Hyperbolos und Ellipsoide, denen aufwendige Computerberechnungen zugrunde liegen. Monatelang arbeitet Genzken an solch einer unikalen Skulptur, die aus der Auseinandersetzung mit dem US-Minimalismus und der historischen Avantgarde hervorgehen. Jahre später richtet sie die Hyperbolos auf. Die hohe Plastik „Meister Gerhard“ ist einnehmend wie der (titelgebende) Kölner Dombaumeister – oder doch eine Anspielung auf den Gatten Gerhard? Der Kurator behauptet: „Genzkens Geometrie handelt von menschlichen Beziehungen.“ Der Hyperbolo könnte ein Diagramm des Dramas zwischen Liebenden sein.

In den aktuellen Werkserien – aufgebaut in der Bel Etage und kuratiert von Direktorin Gaensheimer – hat die Künstlerin ihre Verschlossenheit aufgegeben. Das Heute ist grell, laut, chaotisch, plakativ, extrovertiert, zeitgeistig und aus profanem Material hergestellt, das typisch für die Welt ist, in der wir leben. Schaufensterpuppen, Flugzeugfenster, Dekomaterial aus dem 1-Euro-Shop, Geldmünzen. Deutlicher klingt Persönliches an – bei den Flugzeugfenstern ihre Erschütterung nach 9/11 in New York. Bei den wild mit Streifen und Markierungen überzogenen Collagen ihre Verletzlichkeit. Theatralisch arrangiert sie Puppen, indem sie ihnen Rollen zuweist (Michael Jackson) oder tabuisierte Orte nachstellt (Obdachlose). In diesen Schauspielereien setzt sie sich durch das Zutun eigener Kleidung mit in Szene: Isa Genzken – das kann eine traurige Braut mit weißem Schleier und grauem Haar sein. Oder die schwarze hochgewachsene Puppe, die ein Mann mit den Zügen einer Frau ist. Auf die goldene Krone sind Antennen fürs Außerirdische montiert. Genzkens Werk reagiert auf die Komplexität der Welt. Und transkribiert das Sein in Kunst.