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Reichspogromnacht: Als vor 70 Jahren der Massenmord begann

Reichspogromnacht : Als vor 70 Jahren der Massenmord begann

Vor 70 Jahren brannten in Deutschland über 2000 Synagogen, wurden jüdische Geschäfte geplündert und über 2500 Juden ermordet. Die Nazis hatten einen Diplomaten-Mord genutzt, diese Vernichtungsaktion in Gang zu setzen. Die "Reichskristallnacht" war der Beginn des Holocaust.

Vor 70 Jahren nutzte die nationalsozialistische Reichsregierung einen Mord an einem deutschen Diplomaten in Paris, um im Deutschen Reich eine bis dahin beispiellose Terrorwelle gegen Juden in Gang zu setzen. Der lange Zeit — wegen vieler zerschlagener Scheiben — als "Kristallnacht" oder "Reichskristallnacht" zynisch bespöttelte Pogrom wird die deutsche Öffentlichkeit vermutlich noch lange beschäftigen. Immer deutlicher wird nämlich, dass das Ausmaß der Mordtaten, der Demütigungen und der Zerstörungen bisher erheblich unterschätzt wurde.

Zahl der Opfer deutlich höher

Die Zahl der am 9. und 10. November 1938 Getöteten wird bisher — etwa in Hans-Ulrich Wehlers deutscher Gesellschaftsgeschichte oder Ian Kershaws Hitler-Biographie — mit rund 100 angegeben. Die Zahl der in Brand gesetzten Synagogen, wo die Feuerwehr sich meistens darauf beschränkte, Nachbargebäude vor dem Feuer zu schützen, mit 200. Und die Zahl der geplünderten Geschäfte mit 1000.

Diese Zahlen beruhen auf einer einzigen Quelle: Am 11. November 1938, also unmittelbar nach der Gewaltorgie, ließ sich der Leiter der Sicherheitspolizei, der SS-Offizier Reinhard Heydrich, eine vorläufige Übersicht über die Zerstörungen erstellen. Erst heute werden diese Zahlen überprüft. Nach Angaben des Düsseldorfer Historikers Bastian Fleermann kommt ein noch nicht abgeschlossenes Projekt der Universität Jerusalem zu dem Ergebnis, dass nicht 100, sondern rund 2500 Menschen bei dem Pogrom getötet wurden. Nicht 200, sondern mehr als 2000 Synagogen wurden zerstört. Dazu kommt eine große Zahl zerstörter Geschäfte, geplünderter Anwaltskanzleien, Arztpraxen und Privatwohnungen.

Wie viel größer als bisher geschätzt die Zerstörungen waren, wird an einer Untersuchung sichtbar, die jetzt für Düsseldorf vorgelegt wurde. Fleermann gehört zu den Autoren und Herausgebern dieser Studie, die weit umfassender und gründlicher angelegt wurde, als die bisher vorliegenden Bilanzen anderer großer Städte. Das Ausmaß der Gewalt war so groß, so zeigt die Düsseldorfer Untersuchung, dass die ganze Bevölkerung einer Stadt zum Augenzeugen wurde. Sie zeigt auch, dass bei den Plünderern auch Nicht-NSDAP-Angehörige waren, wie auch, dass Verfolgten oft Hilfe geleistet wurde.

Zufällig war an diesem Novemberpogrom nur das Datum. Am Nachmittag des 9. November starb in Paris der deutsche Diplomat Ernst vom Rath an den Schussverletzungen, die ihm der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan — ein polnischer Staatsbürger, der in Hannover geboren war und illegal in Paris lebte — zwei Tage zuvor zugefügt hatte. Nach der Todesnachricht setzte NS-Propagandaminister Goebbels nach einer Diskussion mit Reichskanzler Adolf Hitler vor allem Trupps der NS-Sturmabteilungen (SA), aber auch zivil gekleidete SS-Leute und Angehörige der Gestapo gegen die jüdischen Einrichtungen in Marsch. Die Mobilisierung der NS-Kader wurde dadurch erleichtert, dass viele zu Gedenkfeiern versammelt waren, weil 15 Jahre zuvor, am 9. November 1923, in München ein Putsch Hitlers gescheitert war.

Vermögen gegen Staatsanleihen

Seit dem Frühjahr 1938 war die Gewalt gegen Juden systematisch gesteigert worden. Der Antisemitismus gehörte zum Kern der NS-Ideologie: Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich waren die Wiener Juden gezwungen worden, die Stadt zu verlassen. In München und Nürnberg wurden schon im Sommer die Hauptsynagogen abgerissen. Überall im Reich mussten Juden ihr Vermögen gegen Staatsanleihen tauschen. Der Staat brauchte Geld, um die durch Schulden finanzierte militärische Aufrüstung zu bezahlen.

Unmittelbar nach dem 9. November sagte Hermann Göring, damals der zweitmächtigste Mann des Reichs: "Der Jude wird aus der Wirtschaft ausgeschieden und tritt seine Wirtschaftsgüter an den Staat ab." Die Entschädigung werde verzinst, davon habe der Jude zu leben. Noch war der Völkermord an den Juden nicht offizielle Politik. Doch der barbarische 9. November war, wie Hitler-Biograph Ian Kershaw formuliert, eine Wegmarke dahin.

(RP)