Kulturlexikon: Was ist ein Italowestern?

Kulturlexikon : Demontage des guten Helden

Der Italowestern ist die europäische Antwort auf amerikanische Western-Seligkeit.

Eine dieser gottverlassenen Bahnstationen inmitten der amerikanischen Ödnis: Drei Männer in staubigen Mänteln warten auf den Zug. Die Kamera wechselt zwischen Totalen des windschiefen Ortes und Nahaufnahmen von ungewaschenen Gesichtern. Ein Zug rattert heran. Als er weiterfährt, steht den drei Schurken ein Einzelner gegenüber. An seinem Hals hängt eine Mundharmonika. Der Fremde hebt das silberne Ding an die Lippen und spielt die vielleicht berühmteste Melodie von Ennio Moricone.

Man muss nur an die Szene denken, schon hat man diese Halbton-Klagelaute im Ohr. Dann spricht der Fremde zu den Dreien gegenüber: „Ich sehe da nur drei Pferde.“ Der Anführer auf der anderen Seite lacht. „Sollten wir denn tatsächlich eins vergessen haben?“ Der Fremde schüttelt still den Kopf. „Ihr habt zwei zu viel.“ Revolver ziehen. Im nächsten Augenblick liegen vier Männer am Boden. Drei davon sind tot.

Der karge Beginn des wohl berühmtesten Italowesterns „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) von Sergio Leone führt schon in der Ouvertüre vor, was dieses Genre ausmacht: Es geht um die schäbige, brutale Wirklichkeit im Wilden Westen. Die Figuren kennen weder Anständigkeit, noch Aufrichtigkeit und schon gar kein Mitgefühl.

Der Italowestern verneint alle Romantisierung und Verklärung der amerikanischen Siedlergeschichte. Es gibt keine sauberen Helden, keine braven Frauen vor dem Blockhaus und auch keine schlauen Indianer. Es geht um Gier, dreckige Typen, verruchte Weiber, um das Recht des Stärkeren.

Extreme Wechsel zwischen Detailaufnahmen und kristallklaren Landschaftspanoramen sowie die enorme Bedeutung der Musik sind filmische Kennzeichen dieses Genres. Der Italowestern experimentiert mit Ausdrucksmitteln, er übertreibt und irritiert und hat insgeheim einen höllischen Spaß an der Verkommenheit seiner Anti-Helden.

Die großen Italowestern sind heute Filmklassiker: Leones „Zwei glorreiche Halunken“ etwa oder Sergio Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“ mit Jean-Louis Trintignant und Klaus Kinski.

Doch der Schritt in die Persiflage ist nicht weit. Den gingen etwa Bud Spencer und Terence Hill mit Western, in denen viele Teller Bohnen geschaufelt und in den anschließenden Raufereien noch mehr Köpfe gegeneinander geschlagen werden. Doch neben derlei Klamauk gibt es auch humoristische Versuche mit melancholischer Note: „Mein Name ist Nobody“ (1973) beispielseisweise nach einer Idee von Sergio Leone. Darin spielt Henry Fonda einen ermüdeten Helden, der nach Europa will, um Frieden zu finden. Doch daraus wird nichts. Ein Fan ist ihm auf den Fersen, Terence Hill mag sein Idol nicht einfach ziehen lassen. Er treibt den alten Helden in ein finales Duell, das ihm dann auch im Wilden Westen die verdiente Altersruhe beschert.

So spielt der Italowestern ironisch bis bedrohlich mit Motiven wie dem verdienten Haudegen, der Recht und Ordnung wieder herstellt. Der Italowestern glaubt nicht an den Sieg des Guten, in der Inszenierung von Verkommenheit ist er unschlagbar.

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