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Kulturlexikon - P wie Playlist: Die Playlist verändert die Musik

Kulturlexikon : Die Playlist verändert die Musik

Die Listen von Streamingsdiensten haben heute großen Einfluss.

Das ist eine Geschichte, die Menschen gewissen Alters gerne erzählen: Wie sie damals mit einem Finger auf der Aufnahmetaste vor dem Kassettenrekorder saßen, um den nächsten Song aus dem Radio mitzuschneiden. Kam man damals ja schlecht ran, an die Hits aus England und den USA. Also nahm man auf, was lief und wichtig erschien, die Slades, die Stones, Santana, Stück für Stück, bis sich für die Fahrt an den Baggersee ein schöner Mix ergab.

Für Spätgeborene klingen solche Erzählungen wie aus der Vorvergangenheit, also von ganz weit weg. Seit es nicht mehr nur den einen Plattenladen in der nächsten Kreisstadt, sondern Streamingsdienste gibt, ist alles immerzu und überall verfügbar. Bei Spotify etwa kann man derzeit aus gut 50 Millionen Liedern wählen, und auch das Mixtape feiert dort gewissermaßen Renaissance, nennt sich nur anders: Playlist.

Playlist kann man mit Wiedergabeliste übersetzen, was aber niemand sagt. Playlist ist ein hierzulande feststehender Begriff und meint eine Liste von Liedern, zusammengestellt von Algorithmen, Mitarbeitern der Streamingdienste oder von den Nutzern selbst. Für den Urlaub kann man sich zum Beispiel eine Liste seiner liebsten Sommerhits anlegen und für die Joggingrunde eine mit Liedern, die ein bisschen nach vorne gehen. Es gibt Nutzer, die ihre Playlists für alle öffentlich machen – Barack Obama stellt zum Jahresende gerne eine Hitliste zusammen. Und es gibt die Playlists, die die Streamingdienste selbst anbieten. Deren Einfluss sollte man nicht unterschätzen.

Bei Spotify etwa gibt es Listen, die Hörer wie Plattenbosse gleichermaßen elektrisieren, dazu gehören die sich täglich verändernde Playlist „Todays Top Hits“ mit 25 Millionen Followern und die wöchentlich erscheinende Liste „New Music Friday“ mit acht Millionen Anhängern. Es heißt, dass Künstler, die es in die Freitags-Playlist geschafft haben, zehn Mal mehr gehört werden als vorher. Interpreten mit gewissem Sendungsbewusstsein sind deshalb gut beraten, auf reichweitenstarken Listen vorzukommen.

Offensichtlich beeinflussen die Listen mittlerweile auch, wie die Musik selbst beschaffen ist. Forscher haben herausgefunden, dass ein Song heutzutage nach maximal 30 Sekunden überzeugen muss, um nicht weggeklickt zu werden. Liedern, denen das gelingt, bescheinigt man eine niedrige „skip rate“. Deshalb kommen Songs immer schneller zur Sache. Studien haben ergeben, dass die Intros von Top-Ten-Hits heutzutage durchschnittlich noch fünf Sekunden dauern. Zum Vergleich: Vor 30 Jahren ließ man sich noch 20 Sekunden Zeit für die Anbahnung. Überdies sind Songs in den US-Charts seit 2013 um 20 Sekunden kürzer geworden. Im Schnitt dauert ein Lied dreieinhalb Minuten.

Ganze Alben spielen indes kaum noch eine Rolle, was zählt, ist der eine Hit und dann bald bitte mehr davon. Das mag nicht nur an den Playlists liegen, ihren Anteil aber haben sie daran.

Kulturpessimisten warnen seit langem vor Eintönigkeit, weil die von Algorithmen zusammengestellten Listen, die sich aus dem Hörverhalten des jeweiligen Nutzers ergeben, doch bloß das Immergleiche reproduzieren würden. Und dass das Album als Gesamtkunstwerk vor dem Aus steht – schlimm. Heute wird Musik wie Fast Food konsumiert! Andererseits hat man auch früher gern gehört, was man schon mochte oder was sich als so ähnlich herausstellte. Und auf den Alben war, mal ehrlich, nicht immer alles top, sondern auch Schrott.