Kulturlexikon: Konzeptalben sind ein Relikt der 1970er Jahre.

Kulturlexikon: K wie Konzeptalbum : Achtung, diese Musik ist große Kunst!

Konzeptalben sind ein Relikt der 1970er Jahre. Für Rockstars waren sie ein Mittel, um Anspruch und Tiefe zu behaupten.

Konzeptalben sind in den allermeisten Fällen ganz großer Käse. Wenn Künstler es nicht hinbekommen, zehn Song-Perlen auf eine Kette zu ziehen, sondern mangels Kreativität unausgorenen Kleinkram wie Intros, Interludes, Reprisen und Outros auf eine Platte packen müssen, nennen sie das Ganze gerne „Konzeptalbum“. Das ist ein großes Wort, und wer eine Platte eigentlich nicht so gut findet, dann aber zugeraunt bekommt, dass das doch ein Konzeptalbum sei, kann bloß noch „Ach so“ sagen und schuldbewusst nicken. Konzeptalben behaupten Kunstanspruch, Hochkulturanbindung und intellektuelle Unanfechtbarkeit.

Es gibt Künstler, die gründen ganze Karrieren auf Konzeptalben, in den 1970er Jahren war das im Genre des sogenannten Progrock sehr in Mode. Die frühen Genesis, King Crimson und Pink Floyd überboten sich geradezu mit Durchdachtheit. Der König des Konzeptalbums ist in dieser Hinsicht Roger Waters, der seit den 1960er Jahren eigentlich keinen Song mehr veröffentlicht hat, der für sich selbst steht und den man einfach so hören könnte.

Viele denken, das erste Konzeptalbum sei 1967 „Sgt. Pepper“ von den Beatles gewesen. Aber das stimmt nicht. 1946 veröffentlichte Frank Sinatra „The Voice Of“, ein Album mit acht Stücken, die alle einer bestimmten Stimmung gewidmet waren, einem Mood also, und das deshalb als erstes Konzeptalbum gilt. Im Rock hat „Freak Out!“ von Frank Zappa diesen Status inne: Zappa erzählte 1966 von einem Freak, der sich in der Underground-Szene von L.A. herumtreibt.

Das LP-Format war ideal für Konzeptalben. Künstler konnten Songs ineinanderfließen lassen und durch das Fehlen von Pausen zwischen Liedern die Zusammengehörigkeit der Titel herausarbeiten. Sie konnten ihre Ideen je nach Albumlänge über zwei oder vier Seiten strecken und sie in Kapitel oder Suiten aufbereiten. Auch die Plattenhülle wurde Teil des Konzepts: die Beatles als imaginäre Band auf „Sgt. Pepper“, David Bowie als rot gefärbter Rockstar auf „Ziggy Stardust“, die Mauer auf „The Wall“ von Pink Floyd. Heute wird Musik vor allem gestreamt, da ist der einzelne Song wichtiger, Konzeptalben wird deshalb keine große Zukunft prognostiziert.

Oft war das Konzept ein Käfig, der Künstler vom Rocken abhielt, weil zu viele schwere Gedanken hinderlich sind beim Abheben. Manchmal war das Konzept aber auch die Grundlage für großes Glück. Deshalb seien noch rasch zwei Konzept­alben empfohlen, die man unbedingt ganz bald mal (wieder) hören sollte. „The Nightfly“ etwa, das erste Soloalbum von Donald Fagen aus dem Jahr 1982. Der Gründer von Steely Dan erzählt über acht Songs hinweg von einer Jugend in den 50er und späten 60er Jahren, und allein das Cover, für das Fagen in die Rolle des Moderators im Nachtprogramm des Radios geschlüpft ist, kann man sich stundenlang ansehen. Außerdem toll: „Watertown“ von Frank Sinatra. Ganz untypisches Album für Sinatra, der 1970 eine herzergreifende Geschichte von einem Mann erzählte, der in der Stadt Watertown von Frau und Kindern verlassen wurde, weil die lieber in die Metropole ziehen wollten.

Konzeptalben können so toll sein.