Kulturlexikon erster Teil: A wie Autorenfilm

Kultur-Lexikon : A wie Autorenfilm

Den Autorenfilmer muss man sich vorstellen wie einen Architekten, der sein Eigenheim baut. Er macht die Entwürfe, leiht sich Geld von der Bank und trommelt ein paar Leute zusammen, die er von der Arbeit kennt.

Einen Maurer, einen Dachdecker, einen Elektriker und so weiter, und jeden Tag ist er vor Ort, überwacht, hilft und macht selbst, was er kann – alles nach seinen Vorstellungen.

Genauso ist das beim Autorenfilmer, und um einmal zu veranschaulichen, was das bedeuten kann, sei ein berühmter Zeitgenosse genannt. Er bringt gerade seinen neuen Film in die Kinos, „Once Upon A Time In Hollywood“ – Regie: Quentin Tarantino. Drehbuch: Quentin Tarantino. Koproduktion: Quentin Tarantino.

Immer schon schrieb Tarantino die Bücher für Filme, die er drehte, selbst, und wahrscheinlich ist das auch ein Grund dafür, dass man sagt, er habe eine eigene Handschrift entwickelt – etwas, das große Autorenfilmer auszeichnet. Für gewöhnlich strotzen Tarantinos Filme vor grotesken Gewaltszenen, Ironie und zahlreichen Anspielungen auf die Filmgeschichte; außerdem wird darin viel geflucht. Er ist damit so erfolgreich, dass heute niemand vor dem Kinobesuch sagt, er geht in „Once Upon A Time In Hollywood“, sondern alle sagen, sie gehen in den „neuen Tarantino“. Handelt es sich nicht um ein Debüt, ist der Autorenfilm häufig mit dem Namen des Autorenfilmers verknüpft.

Damit ist auch widerlegt, was man Autorenfilmen gern nachsagt: dass es sich dabei grundsätzlich um die Werke armer Schlucker handelt, denen die großen Studios kein Geld geben und die deshalb mit schmalen Budgets und ihren Freunden von der Schauspielschule künstlerisch anspruchsvolle Streifen fürs Filmkunstkino drehen – obgleich viele tatsächlich auf die Filmförderung angewiesen sind. Zwar wird der Begriff Autorenfilm gern mit einem Prädikat (wertvoll) verwechselt, eigentlich aber sagt er etwas über die Produktionsbedingungen aus. Beim Autorenfilm kommt alles aus einer Hand, oder so viel wie möglich, mindestens das Drehbuch muss vom Regisseur stammen. Das unterscheidet den Autorenfilm von den meisten Produktionen, die arbeitsteilig entstehen. Die erfolgreichsten Autorenfilme aller Zeiten sind so gesehen „Avatar“ und „Titanic“ – Regie, Drehbuch, Produktion, Schnitt: alles von James Cameron. Und wer einmal in eine Unterhaltung über Autorenfilme gerät, sollte unbedingt auch Orson Welles (1915-1985) kennen. Der gilt als ein Urvater des Autorenfilms und spielte in „Citizen Kane“ (1941) sogar die Hauptrolle.

Heutzutage bekannte Autorenfilmer sind: Woody Allen („Midnight in Paris“), Wim Wenders („Der Himmel über Berlin“) oder Greta Gerwig („Lady Bird“). Der Autorenfilm „Roma“ gewann dieses Jahr drei Oscars für die beste Regie, die beste Kamera und als bester fremdsprachiger Film; dreimal wurde Alfonso Cuarón ausgezeichnet. Der Schwarz-Weiß-Film in spanischer und mixtekischer Sprache spielt in den 1970ern und erzählt in großen Bildern, dabei außergewöhnlich still von einem Kindermädchen in Mexiko-Stadt. Der Film war umstritten, weil er nur kurz ins Kino kam und anschließend über Netflix vertrieben wurde. Kinobetreiber boykottierten „Roma“ deshalb, Cuarón gab an, keinen anderen Vertrieb mit ähnlicher Reichweite gefunden zu haben. Der Autorenfilm mag immer noch etwas für Liebhaber des Kinos sein, der Fall aber zeigte, er muss es nicht.

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