Kulturgeschichte des Leuchtturms

Kleine Kulturgeschichte des Leuchtturms: Wächter der Meere

Leuchttürme gelten als romantische Beschützer des Urlaubs an der See. Aufrechte Gestalten, deren Job es ist zu strahlen. Sie haben allerdings auch ihre Nachtseiten, wie man aus Berichten von früher weiß. Eine kleine Kulturgeschichte.

Ach, denkt man, Leuchttürme: total schön! Die stehen da, um die Menschen zu beschützen. Aufrechte Gestalten. Sie bringen Licht ins Dunkel, ihr Job ist das Strahlen. Alle Lampen an: kein Wunder, dass in der Bierwerbung Leuchttürme zum Inventar gehören. Nena hat eines ihrer schönsten Lieder „Leuchtturm“ genannt: „Komm geh’ mit mir den Leuchtturm rauf / Wir können die Welt von oben sehen / Ein U-Boot holt uns dann hier raus / Und du bist der Kapitän.“ Der Leuchtturm ist dem Himmel so nah. Und dann gibt es diese tolle Episode von Enid Blytons „Fünf Freunden“, die im Leuchtturm spielt – da wird man schon zu Jugendzeiten maritim romantisiert. George, die ja eigentlich Georgina heißt und einerseits ziemlich cool ist, andererseits eine große Romantikerin, darf ihre Ferien gemeinsam mit Julian, Dick und Anne und Timmi, dem Hund, in einem Leuchtturm verbringen. Und sie spricht aus, was ganz viele denken: „Das ist zu schön, um wahr zu sein. Tagein, tagaus nur Wind und klatschende Wellen um uns herum.“ Märchenhaft.

Zur Faszination der Leuchttürme trägt nun allerdings bei, dass die Folklore nicht immer mit der Wirklichkeit übereinkommt. Man blicke nur mal auf den härtesten Leuchtturm der Welt: Ar Men vor der Westküste der Bretagne. Menschen, die in dem Turm gearbeitet haben, nennen ihn: Hölle der Höllen. Der Turm liegt so weit draußen im Atlantik, dass es 14 Jahre gedauert hat, ihn zu bauen. Er wurde auf einem halb unter Wasser liegenden Granitfelsen errichtet, und in den ersten zwei Jahren Bauzeit konnten die Arbeiter überhaupt nur 23 Mal am Felsen anlanden und jeweils bloß eine Stunde arbeiten. 1867 war er endlich fertig, wobei das „Endlich“ relativ ist. Wer dort nämlich als Wächter beschäftigt war, konnte depressiv werden. Die Besatzung musste mitunter wochenlang auf ihre Ablösung warten. Das Meer war einfach zu wild.

Der Schriftsteller Jean-Pierre Abraham verbrachte in den 1960er Jahren tatsächlich mehrere Jahre dort. Sein unter dem Titel „Der Leuchtturm“ veröffentlichter Bericht ist so finster wie die schwärzesten Texte von Kafka und Beckett. Die feuchten Wände, die runden Räume, der Öl-Gestank, die Lautstärke des erbarmungslos reißenden Wassers: Der Turm, schrieb Abraham, musste nicht bewohnt, sondern gegen das Meer verteidigt werden.

Als Leuchtturmwärter wurden zumeist ehemalige Seeleute, Soldaten und Marine-Angestellte verpflichtet. Ihr Lebensraum hatte 3,60 Meter Durchmesser und keine Fenster; die Galerie hing 30 Meter hoch über dem Meer, und selbst die Betten waren gebogen. Der Tag war stets streng gegliedert; ständig mussten die Reflektoren der Lampe poliert und die Wände und Böden geschrubbt werden. Man kam zu nichts, und vor allem nicht zum Sprechen.

Der beste Film mit einem Leuchtturm in der Hauptrolle ist übrigens „Das Licht am Ende der Welt“ nach Jules Verne aus dem Jahr 1971. Kirk Douglas ist Leuchtturmwärter und wird von Piraten überfallen. Ihm gelingt die Flucht, und nun muss er zusehen, wie Piraten-Chef Yul Brynner Schiffe in die Irre führt und ausraubt. Irgendwann kommt es zum Showdown, und ohne zu viel zu verraten, kann man sagen: Der Leuchtturm wird hier zum Denkmal der Gerechtigkeit.

Leuchttürme waren also in erster Linie von außen, als Symbole schön. Der sagenhafte Pharos von Alexandria etwa, um 289 vor Christus an der Küste Nordafrikas erbaut und eines der sieben Weltwunder der Antike (neben den Pyramiden von Gizeh, den Hängenden Gärten von Babylon, dem Koloss von Rhodos, der Zeus-Statue von Olympia, dem Tempel der Artemis in Ephesos und dem Mausoleum in Halikarnassos). Er war 140 Meter hoch, oben rund, in der Mitte achteckig und unten ein Quadrat. Er soll aus weißen Steinblöcken geschichtet und mit Blei verfugt worden sein, und er gilt als Referenz für alle folgenden Leuchttürme.

Auch die alten Römer galten als Fans von Leuchttürmen. Später wurden bisweilen Kirchtürme mit starken Laternen ausgestattet, um Schiffe zu warnen. Vielerorts waren Mönche dafür zuständig, Leuchtfeuer an den Küsten zu unterhalten. Irgendwann sah man im Leuchtturm eine Möglichkeit, den Reichtum einer Stadt abzubilden. Er wurde gewissermaßen zum Statussymbol, zum Obelisken mit Beleuchtung. Der Architekt Louis de Foix baute von 1584 an auf einem Felsen in der Gironde-Mündung einen Leuchtturm, der wie ein Renaissance-Palast anmutete. Die Räume wurden mit Marmor und Mosaiken geschmückt. Es gab eine Kapelle mit bunten Glasfenstern und viel verziertem Holz, und die Fertigstellung erlebte der Architekt nicht mehr. Er war bankrott gegangen und gestorben.

Das Goldene Zeitalter der Leuchttürme war das 18. Jahrhundert. Vor allem die Briten galten – neben den Franzosen – als führend auf diesem Gebiet. Der Grund: Allein in den 1790er versanken mehr als 500 Schiffe vor den englischen Küsten. Berühmt für ihre Leuchttürme war die schottische Familie Stevenson, die indes sehr darunter litt, einen Sohn zu haben, der nur Flausen im Kopf hatte, wie man fand, und nichts mit dem lukrativen Gewerk zu tun haben wollte. Er wurde dann trotzdem noch bekannter als seine Verwandten: Er hieß Robert Louis Stevenson und schrieb unter anderem „Die Schatzinsel“.

Deutschland zeigte erst relativ spät Ambitionen im Leuchtturm-Bau, 1855 mit dem Turm von Bremerhaven. Man benutzte zunächst Talgkerzen, dann Holz und Kohle, später Öllampen, deren Wirkung mit Spiegeln verstärkt wurde. Ab Mitte des 18 Jahrhunderts strahlten dank spezieller Linsen Leuchttürme bis zu 20 Seemeilen weit.

In den 1920er Jahren begann schließlich der Niedergang. Funktechnik, Radar, GPS: Man ist nicht mehr angewiesen auf die Leuchtfeuer vor den Küsten. Heute sind sie vor allem Wächter des Urlaubs am Meer, Beschützer der freien Zeit. Als hätte ein Riese Nadeln in den Globus gesteckt, um jene Orte zu markieren, die besonders pittoresk sind. Wer einen Leuchtturm sieht, kann ausatmen.

Das Lied von Nena endet denn auch mit dieser Zeile: „Ah ah ah, ah ah ah, ah ah ah, ah ah.“