Künstliche Intelligenz verunsichert die Menschen

Künstliche Intelligenz : Super-Intelligenz ist kein Teufelswerk

Computer bedrohen Arbeitsplätze und übernehmen dank ihrer Intelligenz die Macht über die Menschheit. Zwei beliebte Thesen – doch Experten drängen darauf, dass wir bei der Digitalisierung über wichtigere Fragen diskutieren.

Menschen haben eine Marotte, wenn sie etwas sympathisch finden: Sie geben Tieren oder Dingen einen Namen. Jeder siebte Deutsche benutzt für sein Auto einen Kosenamen. Und auch die Spracherkennungssystem „Alexa“ und „Siri“ nutzen den Trick mit den Vornamen, um die Tür zu unserer Privatsphäre zu öffnen. Höchste Zeit, dass wir darüber nachdenken, welche Rolle Technik und künstliche Intelligenz in unserem Leben übernehmen dürfen. Die Bandbreite ist groß. Gehört Alexa wie eine Art Freundin zur Familie? Oder versteckt sich in der Software doch nur ein Überwachungsutensil einer Softwarefirma und Datenkrake? Oder ist Alexa schlicht ein technisches Gerät wie ein Kühlschrank, ein Kaffeeautomat oder eine Waschmaschine?

Das Hollywood-Kino befeuert seit Jahrzehnten den Disput um die Menschlichkeit von Maschinen. In Science-fiction-Filmen fungieren Computer manchmal als kompetente und seelenlose Dienstleister. Viel häufiger aber tragen sie klare menschliche Züge. Roboter können süß und einfühlsam sein – oder das Gegenteil: böse und unerbittlich. Den Computern wird eine Art Bewusstsein zugeschrieben. Sie erweisen sich als überlegen, die Menschheit kann einpacken.

Schon die Begriffe „neuronale Netzwerke“ und „künstliche Intelligenz“ gaukeln vor, dass es Parallelen zwischen dem menschlichen Gehirn und Superrechnern gebe. Doch dieser Vergleich führt in die Irre. Die meisten Algorithmen treffen ihre Entscheidungen auf einem ganz anderen Weg als der Mensch. Sie nutzen eine andere Form des Lernens. Man kann trefflich darüber streiten, ob Computer überhaupt Intelligenz ausbilden können. Derzeit werden sie zu hochqualifizierten Spezialisten für ein beschränktes Einsatzgebiet entwickelt. In diesem speziellen Feld machen sie dann vielleicht weniger Fehler als der Mensch, aber sie bleiben eine Maschine. „Die Debatte um die Superintelligenz der Maschinen verstellt den Blick auf die wichtigen Fragen“, klagt die Stuttgarter Technikphilosophin Catrin Misselhorn.

Es ist Zeit, eine abgehobene Diskussion zurück auf den Boden zu holen. „Rein technisch zentrierte Diskurse führen nicht weiter, diese Perspektive greift viel zu kurz“, sagte Marc Schietinger von der Hans-Böckler-Stiftung zum Auftakt einer Tagung im NRW-Forum. Das gilt vor allem bei der Umsetzung der Digitalisierung am Arbeitsplatz. Anja Weber, NRW-Vorsitzende des DGB, zitierte aus einer Studie des Gewerkschaftsbundes. Demnach beklagen 74 Prozent der Beschäftigten eine mangelnde Mitsprache, wie Technik im Betrieb eingesetzt wird. „Damit verspielen wir eine Chance“, sagte Weber, „die Herausforderung der Digitalisierung erfordern mehr Demokratie im Betrieb“.

Andere Experten fordern bereits eine Veränderung der Studiengänge für Informatik und das Ingenieurwesen. Die neue Technische Universität in Nürnberg will eine Vorreiterrolle übernehmen.  Wenn dort im Jahr 2025 der Lehrbetrieb aufgenommen wird, soll etwa ein Viertel der Veranstaltungen der Studenten Fragen aus dem Bereich der Geistes- oder Sozialwissenschaften thematisieren. „Wir wollen Ingenieure ausbilden, die nicht nur konstruieren können, sondern auch über das, was sie entwickeln, reflektieren – im Sinne von Nachhaltigkeit und Verantwortung für die Gesellschaft“, erklärt Wolfgang A. Herrmann, langjähriger Direktor der TU München und einer der Autoren des neuen Ausbildungskonzeptes.

Auch für den Alltag außerhalb der Arbeitswelt muss sich die Diskussion stärker auf Sachfragen konzentrieren. Wie weit wollen wir der KI die Auswahl von Informationen anvertrauen? Dass Facebook die Nachrichten für seine Nutzer nicht nach Wahrheitsgehalt und Relevanz ausspielt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Doch darin liegt nur ein Aspekt: Algorithmen erlauben es längst, dass der Nutzer dauerhaft in einer Wohlfühl-Umgebung eintaucht. Sie wählen aus einer Datenbank Musik, Bücher und Hörspiele nach seinen Vorlieben, schlagen Filme und neue Serien vor und suchen Produkte aus, die ihm gefallen. Wer nicht reagiert, findet sich in der eigenen pseudo-harmonischen Welt der Annehmlichkeiten gefangen, die selten durch andere Sichtweisen, neue Themen oder fremde Kulturen gestört wird. Beststeller-Autor Yuval Noah Harari sieht darin den Beginn einer neuen Form einer digitalen Diktatur durch Big-Data-Algorithmen, „die meine Gefühle viel besser überwachen und verstehen können als ich selbst“.

Doch Digitalisierung und KI deshalb generell zu verteufeln, ist gant gewiss der falsche Weg. Es scheint sicher, dass medizinische Algorithmen die Ergebnisse einer CT- oder MRT-Untersuchung zuverlässiger auswerten als Ärzte. Künstliche Intelligenz spürt in großen Datenmengen Zusammenhänge auf, die dem Menschen verborgen bleiben. Computer können die Produktionskosten senken. Roboter übernehmen monotone oder gefährliche Arbeiten. Welche Rolle und welche Aufgaben soll der Mensch dabei übernehmen?  

Kritische Beobachter, wie Prälat Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, haben schon lange den Eindruck, dass die gesellschaftliche Debatte noch nicht in der Art stattfindet, wie es der Dimension des Themas entspricht. „Ich erlebe beides“, sagt Neher, „eine euphorische Stimmung und eine geradezu reflexhafte Abwehr“. Er empfiehlt beiden Lagern Bewegung. Wer Abwehr und Sorge zeige, der müsse vielleicht mutiger werden, so Neher. „Diejenigen, die blauäugig euphorisch sind, müssen die Grenzen lernen, die gelten, weil der Mensch der Maßstab für den Einsatz der Mittel ist“, sagt der Caritas-Präsident.

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