Künstler Anatol Herzfeld ist tot: Anatol stand Beuys zur Seite

Künstler Anatol Herzfeld ist tot : Anatol stand Beuys zur Seite

Der Neusser Künstler, Schmied und ehemalige Polizist ist 88-jährig gestorben.

Wo Anatol mit seinem Zimmermannshut auftauchte, geriet er rasch zum Blickfang. Ob er vor seinem Atelier auf der Neusser Insel Hombroich den Besuchern seine eisernen Skulpturen erklärte oder einst als Polizist und Puppenspieler bis zur Rente Schulkindern die Regeln des Straßenverkehrs einprägte – stets hingen die Zuhörer an seinen Lippen. Nur wenn sein Lehrer Joseph Beuys in der Nähe war, trat Anatol bereitwillig ins Glied zurück. Beuys war für ihn der Größte. Jetzt ist auch Anatol nach kurzer Krankheit gestorben, 88-jährig.

Ohne Beuys ist Anatol Herzfeld – so lautete sein vollständiger Name – als Künstler undenkbar. Bei Beuys studierte er nebenher an der Düsseldorfer Akademie, als er schon im Polizeidienst stand. Zuvor hatte er eine Schmiedelehre abgeschlossen – ein bodenständiger Mensch, der auch in der Kunst das handfest Materielle dem filigran Geistigen vorzog. Davon zeugen jene übermannshohen rostigen „Wächter“ auf der Neusser Kunstinsel, ähnlich stämmig, wie Anatol selbst es war. Ein monumentaler Beuys-Kopf aus Granit, der gleichfalls in Hombroich entstand, ziert inzwischen das Meerbuscher Rheinufer.

Unter Anatols Händen wurde alles groß und gut sichtbar. Bei der Kasseler Documenta des Jahres 1972 stellte er seine schöpferische Auffassung von „Arbeitszeit“ vor, die er vorab unter dem Titel „Königsstuhl, eine Tonne Stahl“ bereits im Museum Mönchengladbach inszeniert hatte.

Wirklich bekannt aber wurde Anatol, als er 1973 mit seinem Lehrer im acht Meter langen Einbaum über den Rhein setzte und damit den Fotografen ein bis heute immer wieder neu gedrucktes Motiv lieferte. Er nannte das blau angestrichene Gefährt „Das Blaue Wunder“ und schuf durch seine Aktion mit den paddelnden Schülern der Beuys-Klasse ein politisches Zeichen: Protest gegen Beuys‘ Entlassung als Professor der Akademie, die der damalige Wissenschaftsminister Johannes Rau verfügt hatte. Vorn im Boot Beuys, dahinter Anatol und dann die Studenten – so holte Anatol seinen Herrn und Meister vom Oberkasseler Ufer trotzig an die gegenüberliegende Kunstakademie heim.

Was Anatol an Beuys begeisterte, war dessen Vorstellung vom schaffenden, kreativen Menschen, der „erweiterte Kunstbegriff“ und die Vorliebe für Aktionen. Beuys war der Visionär und Ästhet, Anatol derjenige, der das Vorbild vereinfachte, für den auch Polizeidienst eine Kunst war und der auf plakative Bildfindungen baute.

Nun hat das Rheinland einen seiner markantesten Künstler verloren, Anatol, den gebürtigen Ostpreußen, der ein Stück lebender rheinischer Folklore geworden war, ein Schutzmann der bildenden Kunst, der stets ein Loblied auf die Schöpferkraft des Menschen sang.

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