Silvester- und Neujahrskonzerte im TV Klassik in Champagnerlaune

Wien · Silvester- und Neujahrskonzerte im Fernsehen: In Hamburg, Berlin und Wien brachten berühmte Orchester heimische Klänge, rassige Italiener und sogar eine russische Zugabe.

Franz Welser-Möst war diesmal der Dirigent des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker.

Franz Welser-Möst war diesmal der Dirigent des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker.

Foto: Dieter Nagl / dpa

Eigentlich handelt es sich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker um einen Kurzurlaub in unserem schönen Nachbarland. Alle bewirten uns mit ortstypischen Spezialitäten. Dauernd sagt die Moderatorin „Jänner“ (Januar) und „heuer“ (in diesem Jahr). Dauernd werden sehr heimische Märsche, Walzer, Polkas und Galopps gespielt, die nordwestlich von Freilassing nie ein Mensch gehört hat. Dauernd ist die Rede von der „Strauß-Dynastie“, wobei all die Sträuße und Sträusse ein fast dschungelhafter Komplex aus teilweise nicht verwandten Komponisten sind, die – neben den ganz berühmten Meistern wie dem „Walzerkönig“ oder „Johann Strauß Vater“ – das Neujahrskonzert noch bis zum Jahr 2158 fruchtbar halten können.

Das Neujahrskonzert im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, das Franz Welser-Möst dirigiert, verfolgt diese pädagogische Haltung fast exzessiv: Von 15 Werken sind 14 neu, obwohl diese Werke im Vergleich mit vielen anderen ja teilweise recht verwechselbar klingen, wie Meterware – was uns an den bösen Ausspruch von Igor Strawinski erinnerte, dass Antonio Vivaldi nicht 500 Konzerte geschrieben habe, sondern 500 Mal dasselbe Konzert. Andererseits leuchtet bei genauem Hinhören aus Franz von Suppès Ouvertüre zur Operette „Isabella“ oder aus Josef Strauß‘ „Aquarellen“-Walzer manches individuelle Swarovski-Gefunkel.

Letztlich ist den Wiener Musikfreunden das Programm ziemlich egal. Hauptsache, man hat eine der extrem begehrten Karten bekommen, wobei früher manches über die Hintertreppe und über nahe Caféhäuser abgewickelt wurde. Neuerdings werden die Billetts nach einem strengen Prozedere verlost. Damit ein größerer Teil der lokalen Bedürfnisse befriedigt werden kann, läuft das Neujahrskonzert allerdings auch am 30. und 31. Dezember – was freilich den Blickwinkel verändert. Im alten Jahr ist man ja noch im Gestern gefangen, das Neujahrskonzert ist dagegen eine Befreiung, ein Druck auf die Stornotaste, ein Vergessenstrunk. Man geht mit Schwung ins Neue. Die Altlasten holen einen schon schnell genug wieder ein.

Die Stimmung im Goldenen Saal ist aufgekratzt, die Kameras übertragen das Geschehen in 90 Länder, der ORF flaggt maximal in Rot-Weiß-Rot, monarchistische Tendenzen spüren zwischen 11.15 und 13.45 Uhr zarten Aufwind, und die Floristen der „Wiener Stadtgärten“ stecken dem Blattgold des Saales viele Rosen, Lilien und Nelken an. Ein computertechnisch animierter und musikalisch von Mitgliedern der Philharmoniker ausgestatteter Film versetzt den Zuschauer in die Wiener Weltausstellung 1873; wir dürfen sogar mit dem Riesenrad im Prater fahren.

Sehr hübsch sind auch die Balletteinlagen (in den Choreografien von Ashley Page) an malerischen Orten wie dem Gartenpavillon von Stift Melk, was als externer Stimmungslieferant an die Außenwette bei „Wetten, dass ..?“ erinnert – und an den hübschen Aphorismus von Karl Kraus: „Wien hat eine schöne Umgebung, in die Beethoven öfter geflüchtet ist.“ In jedem Fall nutzt Österreich die TV-Übertragung, um sich vor der Welt in Szene und bestes Licht zu setzen.

Musikalisch ist das Konzert ein Akt der Harmonie und Champagnerlaune, das Orchester befindet sich in blendender Verfassung, wobei Welser-Möst einige Details wie immer sehr pfiffig und schneidig löst. Es ist ja die Unwahrheit zu sagen, dass sich all diese Märsche und Walzer von selbst spielen. Ach ja, Wien ist nicht nur Tradition, sondern auch Aufbruch, denn es gibt neuerdings nicht nur die Wiener Sängerknaben, sondern auch die Wiener Chormädchen. Alle singen sehr schön.

Tags zuvor gestalten – in zwei Silvesterkonzerten – deutsche Ensembles das feierliche Ende vom Lied 2022. Eher matt gerät das im Ersten beim NDR-Orchester, bei dem unter Alan Gilbert in der steifen Elbphilharmonie kaum richtig Stimmung aufkommt, zumal das Programm altbacken und naheliegend wirkt (Strauss‘ „Rosenkavalier-Suite“, Vokales von Gershwin und Bernstein, Ravels untergangsselige „La Valse“). Gilbert entzündet nur wenig, und das Orchester wackelt häufiger, als es dem Festtag angemessen ist. In einer anderen Liga an diesem Abend dagegen die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko auf Arte: ein Strauß feiner Werke (Verdis „Forza“-Ouvertüre zu Beginn), ein grandioser Dirigent, ein umwerfendes Orchester, der Tenor Jonas Kaufmann in wunderbarer Verfassung (Verdi, Giordano, Mascagni, Zandonai).

Petrenkos Kunst ist allumfassend, sie büßt auch bei eher legeren Anlässen keine Sekunde an wachsamer Energie ein. Wie schön, dass man einmal die Vorlage von Freddy Brecks Schlager „Bianca“ hören kann: das „Capriccio Italien“ von Peter Tschaikowski. Herzerwärmend Petrenkos Grußworte und seine Bitte um Frieden. Dass er als Zugabe die „Tarantella“ (aus der Filmmusik „The Gadfly“) des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch spielen lässt, bewegt einen zutiefst.

In Wien gibt es als Zugaben dagegen das Unvermeidliche: die „Schöne blaue Donau“ mit sanft rollenden Walzerwellen und den „Radetzky-Marsch“. Dessen Vitalfunktionen klingen bei Welser-Möst immerhin dermaßen putzmunter, dass einem wieder einfällt, dass das fesche Opus die Bevölkerung unseres schönen Nachbarlands – so steht es in Erste-Hilfe-Broschüren – ans korrekte Tempo einer Herzdruckmassage erinnern soll.

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