Norbert Horsts Kriminalroman „Lost Places“ Dem Verbrechen verfallen

Düsseldorf · „Lost Places“ heißt der neue Kriminalroman von Norbert Horst. Er spielt in Essen und Umgebung, seine Spannung ist gewaltig. Vor allem beherrscht der Autor die Materie: Er hat selbst viele Jahre als Hauptkommissar gearbeitet.

Verlorene und vergessene Orte wie diese Villa im Ruhrgebiet spielen eine wichtige Rolle in Norbert Horsts neuem Roman „Lost Places“.

Verlorene und vergessene Orte wie diese Villa im Ruhrgebiet spielen eine wichtige Rolle in Norbert Horsts neuem Roman „Lost Places“.

Foto: Bruckmann Verlag/Karsten-Thilo Raab

Das Ruhrgebiet stellen sich nur Leute von gestern als verkohlte, düstere, schäbige Region vor. In Wirklichkeit blüht der Pott, und zwar so sehr, dass sich hinter dem üppigen Ensemble aus Seen, Wäldern und Landschaftsparks unbemerkt malerisch-unheimliche Ruinen verbergen können. Manche wurden reanimiert, die Ruhrtriennale hat Industriedenkmäler per Masterplan zu erhabenen Kulturorten umgewandelt. Doch viele andere sind immer noch „Lost Places“, etwa abgerockte Herrenhäuser, die wie Dornröschen der Baukunst hinter Dornenhecken, Stacheldrahtzäunen und „Betreten verboten“-Schildern schlummern und verwittern.

Es gibt Menschen, die solche Orte fast rituell aufsuchen, normale Bürger, die bis 15.30 Uhr Aktenordner aufklappen und nach dem Abendessen mit Grubenlampe und Bolzenschneider unterwegs sind. Einer von ihnen spielt eine wichtige Rolle als Informant in „Lost Places“, dem neuen Kriminalroman des Schriftstellers Norbert Horst. Gleich in der ersten Szene überwindet dieser Grenzgänger Zäune und Barrikaden und dringt in ein ehemaliges Krankenhaus ein. Dort, im Sperrbezirk, erwarten ihn Ungeziefer, Dreck, Dunkelheit – und Verwesung. Es wird sein letzter Besuch sein, denn er wird den Untertitel des Romans in dessen Verlauf leibhaftig beglaubigen: „Wo die Toten schweigen“.

Norbert Horst müssen wir niemandem mehr vorstellen. In der belletristischen Mörderlandschaft laufen etliche Hinweise und Indizienketten bei ihm zusammen. Auf zahllosen Bestenlisten standen seine Romane, etliche Preise hat er gewonnen (große wie den Friedrich-Glauser-Preis oder den Deutschen Krimipreis, kleine wie die „Herzogenrather Handschelle“); in der Krimiautorenvereinigung „Syndikat“ sind die Kollegen voll des Lobes. Und die Kritiker auch.

Sogar darüber, dass Horst im Lauf seines Lebens mehrfach die Orte, das Personal und auch seinen Schreibstil gewechselt hat. In „Leichensache“ begann er 2003 mit dem störrischen, eher intuitiven Kommissar Kirchenberg, den sein Weg auch schon mal ins Sexkino trieb und in die Dönerbude von Sener und seiner hübschen Nichte Ayse. Damals schrieb Horst noch experimentell, mit fragmentierter Sprache. Einige Romane später, von „Splitter im Auge“ an, ließ Horst in Dortmund den Polizisten Adam ermitteln, der mit seiner Karriere abgeschlossen hatte, doch bei aller Ausgebranntheit eine scharfe Nase besaß, die unaufhörlich Witterung aufnahm. Alle nannten ihn Steiger.

Mit ihm wurde auch Horsts Schreibstil ruhiger, gemessener, ohne Zweifel souveräner. Nun, in „Lost Places“, führt Horst ein abermals neues Team ins Rennen, das Privates und Dienstliches notgedrungen kombinieren muss, denn eine bizarre Mordserie erfordert eine 24/7-Präsenz und kollektive Kombinatorik.

Jene Krankenhausruine ist nur der erste Fixpunkt der Ermittlungen rund um den Essener Hauptkommissar Deniz Müller, einen bekennenden Halb-Türken, und die kubanisch angehauchte Staatsanwältin Camilla Lopez, die das Leitprinzip der Krimi-Dramaturgie am eigenen Leib erfahren: Sie müssen von einem Fall weggehen, um zwangsweise zu ihm zurückzukehren. Die dienstliche Arbeit treibt sie zu einigen Todesfällen, die zunächst wie isolierte Fundsachen wirken: eine alte Dame in ihrer Wohnung, ein Obdachloser in einem Zelt im Wald. Bis sich zeigt, dass hier alles auf dermaßen heimtückische Weise zusammenhängt, dass sich Polizeiarbeit plötzlich über das ganze Ruhrgebiet erstrecken muss, bis hin zum LKA nach Düsseldorf. Und die Fahnder erkennen, dass sie ein weiteres Menschenleben retten müssen. Nur: Wer ist es, wo wohnt es?

Die Abziehbilder von Polizeiarbeit kennen wir aus dem Fernsehen, wo joviale Kommissare am Tatort einzig zwei Fragen stellen: „Was haben wir? Todeszeitpunkt?“ Norbert Horst aber zeigt uns, wie kriminalpolizeiliche Ermittlung wirklich abläuft, er lässt uns das Klappern der Mühlen spüren, das Sperrig-Administrative, die Hürden, die sich im Umgang mit Vorgesetzten oder komplexen Szenarien auftun. Wir erleben im Fortgang der Geschichte aber auch die unerwarteten Blüten jener struppigen Poesie, die im Tonfall der Dienstgespräche, Aktennotizen und internen Emails gedeihen.

Diesen Jargon beherrscht Norbert Horst aus dem Effeff, denn er ist – hier spricht wahrhaftig die Polizei – einer von ihnen. Über Jahrzehnte arbeitete der 1956 in Bad Oeynhausen geborene Autor selbst bei den Freunden und Helfern, fuhr Streife, studierte, gehörte Mordkommissionen an und arbeitete für das Landeskriminalamt. Er kennt die Autobahnen und Polizeipräsidien zwischen Bielefeld und Aachen wie im Schlaf, und er kennt die formaljuristischen Pfade, die auch die dringlichste Fahndung beschreiten muss. Die hat ihre eigene Dynamik, ist aber erstaunlich geerdet, wenn man die Ermittler miteinander reden hört. Horst muss diese Leute gar nicht umständlich erfinden, ihr Soziolekt entweicht ihnen lebensecht. Unwichtig ist da im Gefüge keiner: Auch angebliche Bürohengste erweisen sich zuweilen als Schlauköpfe.

Es zählt zur atmosphärischen Mindestanforderung an Kriminalromane, dass der Autor seinen Kommissar in den wenigen freien Stunden einer Mordermittlung einem Privatleben nachgehen lässt. Da wir gerade in Essen sind: Dort lief das in früheren Zeiten so ab, dass „Tatort“-Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy) in nostalgischen oder einsamen Momenten zu seiner Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum) fuhr, die ihm Frikadellen aufwärmte und ansonsten eine geduldige, aufmunternde Zuhörerin war. Auch in „Lost Places“ und speziell bei Deniz Müller will der Leser wissen, für wen sein Herz schlägt. Nun, sein Verhältnis zu Staatsanwältin Lopez ist auf amüsante Weise ungeordnet. Die Sache hat Potenzial, das ahnt man, vor allem weil Horst die Geschichte aus wechselnden Perspektiven erzählt – mal aus Müllers, dann aus Lopez‘ Sicht.

 Der Kriminalschriftsteller Norbert Horst.

Der Kriminalschriftsteller Norbert Horst.

Foto: Joachim Grothus

Und dann ist da noch der Journalist Alexander Rahn, der in Essen wegen seines ruhmvollen Nachnamens natürlich dauernd sagen muss, dass er „nicht verwandt, nicht verschwägert“ sei. Auch er kennt den Hype um verlorene Orte, und zwar besser als die beiden anderen. Dass er der polizeilichen Ermittlung irgendwann mit wichtigsten Hinweisen dienlich ist, versteht sich fast von selbst. Sie alle werden zu Teilchenbeschleunigern einer ganz großen Sache und geraten ins Räderwerk eines perfiden kriminellen Systems. Sie alle – die Personen, die exotischen Ruinen und der Autor auch – wirken so glaubhaft, als seien sie tatsächlich dem Verbrechen verfallen. Das macht „Lost Places“ zu einem Meisterwerk.