Klavierabend mit Grigory Sokolov in der Tonhalle Lauter Jubel für leise Kunst

Düsseldorf · Der Pianist Grigory Sokolov erstaunte das Publikum bei seinem Klavierabend in der Düsseldorfer Tonhalle. Sein Programm war höchst ungewöhnlich.

 Der Pianist Grigory Sokolov.

Der Pianist Grigory Sokolov.

Foto: Heinersdorff/Anna Flegontova

Grigory Sokolov ist ein stiller Star am Klavier. Sein Auftreten wirkt bescheiden, doch den Konzertflügel und die Musik für ihn bringt er ganz groß raus. Seine Virtuosität hat der 1950 in Leningrad geborene Künstler schon oft unter Beweis gestellt, aber an seinem jüngsten Abend in der Heinersdorff-Reihe „Piano Solo“ begeisterte er das Tonhallen-Publikum mit Werken, die ohne rasante Tongirlanden, Akkord-Kaskaden und Doppelgriff-Reihungen auftrumpfen: mit Bach, Chopin-Mazurken und Robert Schumanns „Waldszenen“ op. 82.

Die „Waldszenen“, mit denen der offizielle Teil des Klavierabends endete, klingen nicht besonders schwierig, da sie ohne pianistische Effekte auskommen. Hohe Ansprüche an den Klavierspieler stellen sie trotzdem, weswegen Amateure regelmäßig an ihnen scheitern. Sokolov verfügt freilich über alle technischen Rücklagen, die nötig sind, um die musikpoetische Flora und Fauna des Waldes zum Leben zu erwecken. Der literarisch ziemlich bewanderte Schumann hat sehr lyrische Untertitel gewählt wie „Vogel als Prophet“. Rasche, aber leise Tonfolgen in hohen Lagen des Klaviers pflanzen sich in dem insgesamt ruhig fließenden Stück auf geheimnisvolle Weise fort. Mit feinstem Anschlag gab Sokolov dem geflügelten Wahrsager eine Stimme.

Dieses große musikalische und spieltechnische Können zahlte sich auch in den Mazurken Frédéric Chopins aus. An diesem Abend waren sie kein Sonaten- oder Balladen-Begleitprogramm, sondern Hauptattraktion des Chopin-Teils. Selten konnte man die kurzen Tanzstücke so sprechend erleben wie diesmal. Sokolov ging den Mazurken auf den Grund, ließ ihre lyrische Eleganz zu Ohren kommen. Aus dem Folkloristischen war – ganz im Sinne des Komponisten – jede volkstümliche Grobheit und Banalität wie durch ein Haarsieb gefiltert, sodass sich die Tänze zu kleinen Tondichtungen verfeinerten.

Vor der Pause erklangen auch Tänze, aber höfische Arten der Barockzeit: Zu Gehör kam Bachs Partita c-Moll BWV 826 mit Sätzen wie Courante und Sarabande sowie die vier Duette BWV 802 bis 805. Glasklar und mit feurig funkelnden Trillern spielte der Nicht-Purist Sokolov, er nahm in der Partita moderate, aber fließende Tempi, gestaltete den Anfang majestätisch, aber ohne übertriebenen Aplomb; die Duette wurden zu polyphonen Pas de deux voller Esprit.

Sechs Zugaben erklatschte sich das Publikum. Sie blieben dem Charakter des Programms treu: So gab es unter anderem zwei weitere Mazurken und ein choralartiges Prélude von Chopin sowie Bachs Choralvorspiel zu „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“. Die Stimmung im Saal blieb durchweg gespannt – und es zeigte sich, dass ein Klavierabend auch mit vorwiegend innigen Kompositionen den Saal zum Jubeln bringen kann.

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