Konstantin Lindhorst skizziert Inszenierungen

Porträt : Der Theater-Zeichner

Schauspieler Konstantin Lindhorst zeichnet jedes Stück, in dem er auftritt – und verschenkt die Bilder zur Premiere an seine Kollegen.

Im Vordergrund gestikuliert Nathanael hysterisch mit neun Armen – sein Haar brennt rot wie Feuer. Hinter der Hauptfigur aus Kleists „Der Sandmann“ sind all die anderen Schauspieler versammelt, die in Robert Wilsons Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus singen, tanzen, eine Geschichte voller Albtraumbilder erzählen. Konstantin Lindhorst hat sie gezeichnet – im Kostüm, in typischen Posen und in einem der lichtesten Bühnenbilder des Abends, in einem Zaubergarten. Lindhorst ist selbst einer der Darsteller. Er spielt Spalanzani, den teuflischen Professor, der die schöne Olympia gebaut hat, ein Maschinenmädchen, das den feurigen Nathanael um den Verstand bringt. Sich selbst hat Lindhorst ganz klein gezeichnet. Mit schwarzem Frack winkt er aus einer Ecke der Bühne, während im Hintergrund der Blutmond leuchtet.

„Die Zeichnungen entstehen immer gegen Ende des Probenprozesses, wenn ich ungefähr weiß, wie die Produktion aussieht“, sagt Konstantin Lindhorst. „Eigentlich sind es ja nur Kritzeleien, skizzierte Figuren, die ich dann nach und nach ausarbeite und am Computer zum endgültigen Bild montiere.“ Zu fast allen Inszenierungen, in denen er mitspielt, hat der Schauspieler solche Zeichnungen angefertigt. Oft werden sie erst kurz vor der Premiere fertig. „Obwohl dann natürlich auch die Proben stressig werden, sitz’ ich dann manchmal bis tief in die Nacht an den Bildern“, sagt Lindhorst. Wenn er rechtzeitig fertig wird, druckt er seine Zeichnungen vielfach aus und verteilt sie an alle Mitarbeiter einer Produktion – an die Schauspieler-Kollegen, das Regieteam und den gesamten technischen Stab. „Natürlich erwischt man nicht immer alle, aber wenn es irgendwie geht, lauf ich vor der Premiere auch hoch zu den Leuten von Ton und Licht und gebe ihnen eine Karte“, sagt Lindhorst.

Unter Schauspielern gibt es diese Tradition, einander vor der Premiere kleine Geschenke in die Garderobe zu legen. Manchmal sind das Basteleien oder eine Süßigkeit. „Bei mir hat sich das mit den Zeichnungen entwickelt“, sagt Lindhorst, „ich stecke da durchaus viel Liebe hinein, und ich glaube, meist kommt die auch an.“ Er weiß von Kollegen, die sich Zeichnungen von ihm größer ausgedruckt und als Poster an die Wand gehängt haben.

Gezeichnet hat er schon als Jugendlicher. Damals vor allem Comics. „Aber ich hab die Geschichten meist nicht zu Ende bekommen. Am liebsten habe ich Titelblätter und erste Seiten gemalt“, sagt er und lacht.

Mit Ende der Schulzeit hat er das Zeichnen zunächst aufgegeben. „Irgendwann wird man so erwachsen, dass man solche Betätigungen einstellt. Und dann wird man noch erwachsener und fängt wieder an“, sagt Lindhorst. Seither gehört das Zeichnen für Lindhorst zum Probenprozess – und so richtig abgeschlossen ist eine Inszenierung für ihn auch erst, wenn er seine Bühnenskizze abgeschlossen hat. Doch immer gelingt das nicht. Bei der „Dreigroschenoper“ etwa ist seine Zeichnung bisher nur zu einem Viertel fertig. Doch obwohl das Stück nun schon länger läuft, möchte er auch diese Zeichnung noch abschließen.

Dabei ist Lindhorst inzwischen nicht mehr festes Ensemblemitglied in Düsseldorf. Der Familie wegen ist er nach Berlin zurückgekehrt und arbeitet dort nun als freier Schauspieler. Seine Freundin gehört zum Ensemble am Gorki-Theater.

In drei Produktionen am Schauspielhaus ist Lindhorst aber noch zu sehen, neben „Der Sandmann“ sind das „Caligula“ und „Romeo und Julia“. Auch diese Inszenierungen hat er gezeichnet und könnte sich inzwischen sogar vorstellen, mal einen Comic zu Ende zu bringen. „Es gibt natürlich jede Menge professionelle Illustratoren, da mag ich mich nicht mit vergleichen“, sagt Lindhorst, „andererseits kann ich mir auch nicht vorstellen, gar nicht mehr zu zeichnen. Mal sehen, wohin das noch führt.“

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