Düsseldorf: Kommissar Kühn verzweifelt an der Welt

Düsseldorf: Kommissar Kühn verzweifelt an der Welt

Bestsellerautor Jan Weiler hat eine spannende Fortsetzung seines Münchner Ermittlers geschrieben.

Die letzte Probe ist gerade beendet. Jan Weiler spricht einen Vater. Also den, der das Lehrerkollegium für eine Stunde einsperrt mit "Klassenziel", dass die noch irgendwo und noch irgendwie ein mickriges Pünktchen für seinen Sohn locker machen, damit der zum Abi zugelassen wird. Ist das denn wirklich so schwierig? Weilers Hörspiel meint: ja.

"Eingeschlossene Gesellschaft" heißt das Stück. Und es ist nur eins von drei aktuellen Neuerscheinungen aus der Feder des 50-Jährigen. Parallel ist er noch mit "Und ewig schläft das Pubertier" auf Lesereise quer durch Deutschland und seit ein paar Tagen mit "Kühn hat Ärger" - ein 400-Seiten-Roman, eine Ermittler-Geschichte zweiter Teil. Der erste hieß "Kühn hat zu tun"; sein Held: Martin Kühn, ein Kommissar mit dem Hang zur Weltverzweiflung, aber kein kaputter Wallander-Typ. Kühn hat alle Ersparnisse zusammengekratzt für das Eigenheim auf der Weberhöhe, einer Neubausiedlung bei München. Doch weil früher dort eine Munitionsfabrik stand, ist der Boden verseucht und das Grundstück damit praktisch wertlos.

Kühn ist kein Verlierer, aber auch kein Held des Widerstandes. Er ist Mittelständler, Teil des Kleinbürgertums, sagt Jan Weiler. "Und das Gefühl kennen ja viele Leute: Sie arbeiten sich den Arsch ab und sehen dann im Fernsehen Menschen, die sie nicht mehr verstehen - wie die Politiker." So einer ist Kühn: einer mit einem extrem wichtigen Beruf, der nach den Worten Weilers gesellschaftlich aber viel zu wenig anerkannt und auch irre schlecht bezahlt sei. "Kühn verzweifelt an der Welt, weil er weiß, dass er sie nicht verändern kann. Aber er versteht die Menschen, mit denen er zu tun hat, weil sie aus seiner Schicht, aus seinem Milieu stammen." Und in ihrer gemeinsamen Jugend würde sich dann entscheiden, ob sie später einmal vorne oder hinten im Polizeiwagen sitzen.

"Kühn hat Ärger" ist kein richtiger Krimi. Eher ein Gesellschaftsroman mit ausgprägter Neigung zur Persiflage. Ein recht dankbares Opfer im Roman ist die Münchner Bohéme, die im Buch die Organisation Sternenhimmel für Flüchtlingskinder auf die Beine stellt. Mit Tanz-, Theater-, Tai-Chi- und Trampolin-Workshops wird den Benachteiligten ein soziales Upgrade versprochen. Und wer eine Stunde durchhält, bekommt eine Sternschnuppe. Für 20 Sternschnuppen gibt's dann ein Geschenk. Das ist die schöne, fast heile Welt des sehr gut gestellten linken Bürgertums, deren Mitglieder mit dem Volvo zum Winzer fahren und sich dort ihren Wein kaufen. Ihre Welt ist eine Genusswelt, zu der aber auch das Caritative gehören soll.

Dennoch, überall rumort es in der Geschichte. Amir, ein ruppig pubertierender Junge mit Migrationshintergrund, verliebt sich in Elfie, Töchterchen einer wohlhabenden Familie. Dann wird Amir ermordet, und überall finden sich plötzlich Motive für die Tat. Zudem wird der Lebensmittelmarkt in Kühns kontaminierter Siedlung erpresst, die Nachbarin verdient sich ihr Geld mit Telefonsex, und Kühns Frau scheint auch andere Männer spannend zu finden.

"Kühn hat Ärger", der Titel ist deprimierend dezent. Denn das Tragische an der Titelfigur ist seine Durchschnittlichkeit. Kühn ist ein wenig wie wir alle, und wer mit ihm mitzufühlen beginnt, hegt auch ein bisschen Selbstmitleid. Doch wie so viele andere auch lässt Kühn sich nicht unterkriegen. Es sei doch so, sagt Jan Weiler, "die Leute kochen trotz all ihrer Probleme jeden Morgen ihr Frühstücksei und gehen zur Arbeit. Das ist ja das Wunder. Dass die Gesellschaft eigentlich immer noch ganz gut funktioniert. Und es geht immer weiter. Das Leben geht einfach immer weiter."

Das ist auch der letzte Satz in diesem sehr lesenswerten Buch - und ein Versprechen auf Teil drei.

(los)
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