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Kölns Stadtarchiv taut in Berlin auf

Kölns Stadtarchiv taut in Berlin auf

Die Wiedergeburt der Kostbarkeiten aus dem vor zwei Jahren eingestürzten Stadtarchiv läuft in Berlin auf vollen Touren. Im dortigen Bundesarchiv werden die eingefrorenen Akten, Urkunden und Unterlagen gefriergetrocknet. Allein die danach mögliche Identifizierung wird noch Jahre dauern.

Berlin/Köln Der Weg zurück in die Welt der Wissenschaft führt die scheinbar verloren geglaubten Kostbarkeiten des eingestürzten und abgesoffenen Kölner Stadtarchivs dort hinein, wo auch Kaffee aromaschonend haltbar wird: in die Gefriertrocknung. Gestern ließen sich die Mitarbeiter des Bundesarchivs in Berlin-Lichterfelde kurz vor dem zweiten Jahrestag des Einsturzes über die Schulter schauen.

An einen großen Brötchenbackofen erinnert die Gefriertrocknungsapparatur. In einer Woche wird sie so viel Wasser aus den schweren kalten Klumpen gesogen haben, dass kein Gefrierbrand mehr droht und die Fundstücke dann erstmals wieder gesichtet werden können. Es ist der Anfang eines noch sehr langen Weges.

Einmal durch den großen Lesesaal des Bundesarchivs durch, dann zwei Mal links, und schon nähert sich der Besucher 65 Metern von 30 000. Insgesamt 30 laufende Kilometer Aktenbestände zählte das Stadtarchiv, bevor es am Rande von U-Bahn-Bauarbeiten absackte und die Bestände zum größten Teil im Grundwasser versanken. Mit Tiefkühltransportern ließ Kölns Stadtarchiv-Chefin Bettina Schmidt-Czaia 65 laufende Meter Akten nach Berlin bringen, wo sie nun in Kühlkammern dem behutsamen Auftauen entgegen lagern.

Mit neun Grad Minus ist es gestern in Berlin alles andere als frühlingshaft. Aber in den Spezial-Lagerräumen ist es noch kälter. Tiefkühlpizzakalt. Minus 18 Grad. Auf den ersten Blick wirkt es so, als hätte ein Dönerhersteller sein Fleisch nicht rund gedreht, sondern platt geklopft. In Folie gewickelt liegen die klobigen bräunlichen Platten über und nebeneinander gestapelt. Der Handkarren, mit dem sie zum Gefriertrockenschrank transportiert werden, ächzt unter der Last: Das Wasser hat das Gewicht der teils großen und dicken Archivstücke verdoppelt. Und Wasser haben die Archivare reichlich verwendet. Jedes aus dem Schlamm geborgene Stück wurde nicht etwa vorsichtig getrocknet, sondern erst einmal gründlich abgeduscht. Und dann ging es schnellstmöglich in die angekauften Tiefkühltruhen und angemieteten Tiefkühlhäuser. Denn bei 18 Grad Minus bleibt alles erst einmal buchstäblich eingefroren, kann so ohne Furcht vor weiterer Zersetzung, vor Pilzen oder Mikroorganismen erhalten werden.

Doch irgendwann muss das Wasser raus. Und das geschieht mittels Gefriertrocknung bei Unterdruck und minus 55 Grad. Tag und Nacht arbeitet die Maschine. Montag werden die Mitarbeiter einen ersten Blick durchs Bullauge in die Kälte werfen, aber das größte Stück, das vielleicht ein uraltes Kölner Kassenbuch ist, wird wohl erst in zehn Tagen vorsichtig in die Hand genommen werden können.

Die Ausbeute der letzten Durchgänge schaut Ulrich Fischer durch. Der Vize-Archivchef kommt aber nicht weit. Noch kleben die meisten Seiten zusammen. Überall sorgt Baustaub für Sorgenfalten. Er reibt die Buchstaben ab und zersetzt auf Dauer das Papier. Ein Fall für den Restaurator. Der wird nun alles wiederherstellen, was 1964 bei der Genehmigung einer Müllverbrennungsanlage dem Stadtausschuss an Unterlagen zur Verfügung stand. Das kann ja irgendwann noch interessant werden. Aber diese langweiligen Drucksachen für einen Vorgang im Sozialamt aus den 70er Jahren? Lohnt das wirklich?

Mit solchen Fragen lässt sich Schmidt-Czaia schnell aus der Reserve locken: "Diese Akten sind das Mittelalter von morgen." Und Bundesarchiv-Chef Prof. Hartmut Weber verweist darauf, dass die Historiker die Verstrickung von Diplomaten in die Judenvernichtung anhand von Reisekostenabrechnungen herausgefunden hätten. Reisekostenabrechnungen!

Beim Blättern durch die Ergebnisse der Rettungsaktion zeigt sich das ganze Chaos: Mitten in belanglosem Verwaltungskram von vorgestern findet sich eine Mappe aus der Preußenzeit. Jedes Stück bekommt einen Barcode und wird inhaltlich in einer Datei erfasst. So gewinnen die Archivare wenigstens virtuell wieder einen Überblick. Sie hoffen, das binnen fünf Jahren hinzukriegen. Bis das alles auch in der Realität wieder in Form ist, werden noch Jahrzehnte vergehen. Es gibt zu wenig Restauratoren, zu wenig Ausbildungsplätze, um das in 30 Jahren geschafft zu haben. Von den Kosten von bis zu 400 Millionen Euro ganz zu schweigen. "Wenn ich in Pension gehe, möchte ich, dass es auf einem guten Weg ist", sagt Fischer. Er ist 39.

(RP)