Klassik-Freaks werden derzeit von der Musikindustrie heftig umworben.

Sammeleditionen: Dicke Boxen für große Meister

Klassik-Freaks werden derzeit von der Musikindustrie heftig umworben. In Wirklichkeit sind die prallen CD-Boxen mit Großeditionen nur eine Ausbeutung ihres reichen Schallarchivs.

Es ist lange her, dass sie ins Aufnahmestudio gingen und wie in guten alten Zeiten noch einmal eine große Oper produzierten. Heutzutage fehlt den Schallplattenkonzernen das Geld an allen Ecken und Enden, deshalb leben sie von Live-Mitschnitten jener Produktionen, die sowieso auf dem Spielplan stehen. Die Klassikindustrie muss gucken, wo sie bleibt; besonders gesund wirkt sie ja nicht.

Seit einiger Zeit erfreut sie die Musikfreunde – aus der Not eine Tugend machend – mit voluminösen Boxen, in denen sie ihren Back-Katalog (ihr Archiv vornehmlich älterer Aufnahmen) einer neuen Frisur und teilweise einem Remastering unterzieht und geballt auf den Markt wirft, dass sogar die Waage etwas davon hat. Oft ist das eine Freude für die Generalisten unter den Klassik-Freaks. Die vielfach hochgelobte Aufnahme aller geistlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs mit dem Bach-Collegium Japan unter Leitung von Masaaki Suzuki gibt es in einer luxuriösen Box mit 55 CD (in Super-Audio-Qualität) für 300 Euro. Das ist ein vernünftiger Preis für ein Projekt, das man sich einmal im Leben gönnt.

Diese Entscheidung, sich von Bach über längere oder lange Zeit  begleiten zu lassen, haben auch schon andere getroffen und sich den hintergründigsten und wandelbarsten Interpreten dazugebucht, nämlich Glenn Gould. Die Sony hat dessen gesamte Bach-Klavieraufnahmen vor einigen Jahren auf 38 CDs in einer famosen Box („The Complete Bach Edition“) kompiliert, die auch die Mehrfach-Aufnahmen der „Goldberg-Variationen“ aus verschiedenen Jahren integrierte. Diese Edition in ihrem repräsentiv-unübersehbaren Karton mit blauem Leineneinband ging offenbar weg wie geschnittenes Brot, sodass man sie jetzt nur noch über Ebay bekommt, dort aktuell zwischen 160 und 260 Euro. Zur Erinnerung: Die Edition war weltweit limitiert auf 20.000 Stück, in Deutschland wurden davon etwa 4000 Exemplare verkauft; im Laden kostete sie damals knapp 130 Euro. Wer es schlanker liebt, bekommt eine (immer noch herrliche) Sony-Auswahl von Goulds Bach-Aufnahmen auf 14 CD für 45 Euro.

Selbstverständlich ist man bei dem Genie Glenn Gould auf der sicheren Seite, obwohl dessen Art, Bach mitunter in den Transrapid zu setzen oder mit abgespreiztem kleinen Finger zu zelebrieren, gewöhnungsbedürftig ist. Anders verhält es sich, wenn ein Billig-Label wie Brilliant Classics dieser Tage die „César Franck Edition“ mit 23 CD für 46 Euro feilbietet. Da kauft man tatsächlich die Katze im Sack; die Orgelwerke gibt es eben nicht von namhaften Könnern wie Albert de Klerk, Ben van Oosten oder Eric Lebrun, sondern von Adriano Falcioni. Aber der ist am Ende der Überprüfung gar nicht schlecht, im Gegenteil, und die voluminöse Orgel der Basilika Santa Maria degli Angeli in Assisi (von der renommierten italienischen Orgelbaufirma Mascioni gebaut) kann durchaus überzeugen.

Dagegen schmiert das Arnhem Philharmonic Orchestra unter Roberto Benzi bei der üppigen d-Moll-Symphonie merklich ab. Das Orchester rumpelt und geizt mit Delikatesse und Enthusiasmus. Das bekommt man bei Youtube in einer grandiosen Aufnahme des Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter Kirill Kondraschin für noch kleineres Geld – nämlich für den Strom und ein stabiles Wlan. Wer sich wie im Fall Franck einfach durch einen oder mehrere Komponisten von A bis Z hindurchhören möchte, der ist mit einem Spotify-Abonnement auch nicht schlecht bedient.

Je billiger, desto schlechter? Kann man also nicht sagen. Andererseits: „Der Spottpreis suggeriert, dass Klassik nichts kostet, und das ist halt ein falsches Signal.“ Das sagt Rainer Kahleyss, Chef des angesehenen CD-Vertriebs Klassik-Center in Kassel. „Ein solcher Niedrigpreis enthält keinerlei Wertschätzung. Er deckt fast noch nicht einmal die Materialkosten.“ Tatsächlich sind die Editionen von Brilliant Classics so mager ausgestattet, dass es fast einer intellektuellen Dürrekatastrophe gleicht. Kein Booklet, keinerlei Informationen über Werke oder Künstler. Andere Editionen sind nicht nur in dieser Hinsicht vorbildlich.

Immer noch unklar ist, warum sich die Leute so ein Trumm ins Regal stellen. Warum kauft sich mancher beispielsweise die neue Warner-Box mit „The complete works“ von Hector Berlioz, die 27 CD für 70 Euro enthält? Wahrscheinlich, weil er zwei, drei Werke wie etwa die „Symphonie fantastique“ sowieso im Schrank hat und nun von Neugier gepackt ist. Tatsächlich lässt sich im Fall von Berlioz mithilfe dieser beeindruckenden Box gigantisch viel an zauberhafter Musik  entdecken. Und Orchester aus Amsterdam, Paris, Philadelphia, London oder Birmingham bieten einen klanglichen Luxus, der bei Berlioz fast die halbe Miete ist.

Platzraubende Box? Im Gegenteil, wer alle Werke in Einzel-CDs im Schrank hätte, kommt schlechter weg. Insofern sind Boxen gut für die räumliche Ökonomie. Aber wer von jedem Werk die jeweils beste Aufnahme haben möchte, ist weiterhin auf den Einzelkauf angewiesen. Der dient indes auch deutlich stärker dem Lustprinzip.