„Empire Of Light“ Olivia Colman ist die Attraktion dieses Films

Der großartigen Hauptdarstellerin ist es zu verdanken, dass „Empire Of Light“ ein sehenswerter Film geworden ist. Die neue Produktion von Sam Mendes spielt in einem englischen Kino in den 1980er-Jahren.

Olivia Colman in „Empire Of Light“.

Olivia Colman in „Empire Of Light“.

Foto: dpa/Parisa Taghizadeh

Sam Mendes‘ neuer Film „Empire of Light“ ruht auf den Schultern von zwei Attraktionen. Da ist zum einen die britische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Olivia Colman, die sich gleichermaßen mit Verve und Understatement in die Hauptrolle der vereinsamten Kinoangestellten Hilary begibt. Und dann ist da das Lichtspielhaus selbst. Majestätisch ragt das „Empire“ an der Uferstraße des englischen Küstenstädtchens Margate in den bewölkten Himmel. Die wuchtige Art-déco-Fassade hat schon so manchem Sturm getrotzt. Das Foyer und der untere Kinosaal erstrahlen in einer Design-Orgie aus rotem Samt, weichen Teppichböden, beleuchteten Vitrinen, geschwungenen Stuckdecken und polierten Messingbeschlägen.

Natürlich hat das „Empire“ schon bessere Tage erlebt. Anfang der 80er sitzen die Menschen im kriselnden Thatcher-England mehr vor dem Fernseher als im Kinosessel. Nur noch zwei der ehemals vier prachtvollen Säle werden bespielt. Der mondäne Ballsaal in der oberen Etage mit Blick über das Meer ist schon lange ungenutzt und dient den Tauben als luxuriöse Brutstätte.

Hilary arbeitet seit einigen Jahren im „Empire“, dessen glamouröses Dekor in starkem Kontrast zur Tristesse ihres Lebens steht. Es ist nicht allzu lange her, da hatte Hilary das, was man zu dieser Zeit einen „Nervenzusammenbruch“ nennt. Bei den regelmäßigen Arztbesuchen stellt der Mediziner – ohne ihr in die Augen zu blicken – seine Fragen zur Befindlichkeit, um die Lithium-Dosierung neu zu bestimmen.

Der Manager des Kinos, Donald (Colin Firth), nutzt Hilarys seelische Verfassung schamlos aus und ruft die Angestellte regelmäßig in sein Büro, um sich von ihr sexuell befriedigen zu lassen. Die Belegschaft im Aufenthaltsraum hingegen ist von der coolen Punk-Göre Janine (Hannah Onslow) über den aufmerksamen Kartenabreißer Neil (Tom Brooke) bis zu dem eigenwilligen Filmvorführer Norman (Toby Jones) zur herzlichen Ersatzfamilie geworden.

Als Stephen (Micheal Ward) neu zum Kinoteam stößt, scheint sich der Nebel um Hilarys Gesicht plötzlich zu lichten. Sie kann kaum ihre Augen von dem jungen, schönen, schwarzen, charmanten Mann lassen und ist von sich selbst überrascht, als sie sich beim Silvester-Feuerwerk auf der Dachterrasse des Kinos einen Kuss stiehlt. Zwischen den beiden entsteht eine Beziehung, deren Kraft und Krisen sich ebenso aus der Unterschiedlichkeit nähren wie aus einem gemeinsam empfundenen Außenseiterdasein.

Die Diskriminierungen und sexuelle Gewalt, die Hilary über Jahrzehnte als Frau erlebt hat, stehen Stephens Erfahrungen mit dem offenen Rassismus gegenüber, der ihm im England der frühen 1980er-Jahre in Form von pöbelnden Skinheads und dem Aufstieg der „National Front“ massiv entgegenschlägt. Gerade aus der Differenz heraus haben die beiden Liebenden sich viel zu geben, auch wenn es sich schon bald abzeichnet, dass das amouröse Bündnis nur temporärer Natur sein wird.

Olivia Colman manövriert ihre Figur fern von allen Opferstigmatisierungen durch das Auf und Ab von glücklichen, manischen und depressiven Phasen. Wenn sie ausgerechnet beim Sandburgbauen Hilarys über Jahrzehnte angestaute Wut herausbrechen lässt, spiegelt sich in der kurzen Szene die patriarchale Unterdrückung einer ganzen Frauengeneration.

Ebenso kann ihr gegenüber Newcomer Micheal Ward überzeugen, der dem jungen Liebhaber eine entspannte Strahlkraft verleiht, aber auch dessen desillusionierten Seiten glaubhaft verkörpert. Allerdings hätte Sam Mendes, der hier zum ersten Mal auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, der Figur noch mehr Widersprüchlichkeit ins Skript schreiben können, um sie auf Augenhöhe mit der weiblichen Protagonistin zu bringen.

Auch wenn „Empire of Light“ kein „Cinema Paradiso“ sein will und kann, beschwört er nicht nur die Wirkung des Mediums, das in 24 Bildern pro Sekunde die Illusion von Leben schafft. Es geht hier vor allem um die Magie des Ortes, der den Einsamen eine gemeinsame Zuflucht bietet.

Der Blick des Filmes ist am Ende auf die Menschen im Saal gerichtet, die sich im Schutz der Dunkelheit ihren Gefühlen stellen und sie mit den Emotionen auf der Leinwand verschmelzen lassen.

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