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München: Kasper: Papst trifft den Nerv der Zeit

München : Kasper: Papst trifft den Nerv der Zeit

Der deutsche Kardinal zog jetzt eine Bilanz des Jahres von Franziskus.

Für Walter Kasper, den bedeutenden deutschen Theologen und emeritierten Kurienkardinal, hat die Römische Weltkirche mit der Wahl des neuen Papstes vor einem Jahr einen Coup gelandet. Der durch Franziskus bewirkte positive Stimmungsumschwung sei nicht nur weltweit spürbar, sondern konkret messbar, so Kasper jetzt in der Münchner Katholischen Akademie.

Kasper ("wir pfeifen mitnichten aus dem letzten Loch") nannte den Papst aus Buenos Aires einen Pastor der Welt, dem es bei der Glaubensverkündigung nicht um den moralischen Zeigefinger, vielmehr im radikalen Sinn um den Ursprung, die Freude am Evangelium, gehe. Dabei treffe Franziskus einen Nerv der Zeit. Seine Botschaft der Erneuerung der Kirche — weg vom Mief des sich selbst Bejammerns und Betrachtens — sei leider in Deutschland noch nicht angekommen.

Kasper warnte restaurative Kräfte in der Kirche vor dem Irrtum, Franziskus werde schon bald die Puste ausgehen bei der angestrebten Erneuerung der Kirche und der vatikanischen Kirchenverwaltung, der Kurie. Kasper: "Franziskus hat weder das schlichte Gemüt eines Dorfpfarrers, noch trifft ihn der Spott, ein Copacabana-Theologe zu sein." Franziskus sei im ursprünglichen, nicht im konfessionellen Sinn ein evangelischer oder evangelikaler Papst. Er wolle keine Anpassung der Kirche an die Welt, deren Hang zu Glanz und Glamour er scharf kritisiere. Franziskus sei weder liberal-progressiv, noch traditionalistisch-konservativ.

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Das Evangelium sei für Franziskus kein Kodex von Geboten und Lehren, sondern Gabe des Heiligen Geistes, die durch den Glauben wirkt. Kasper: "Das ist nicht weit weg von Martin Luther." Der Glaube lasse sich nicht mit inquisitorischen Stockhieben verkünden. Auch Jesus stehe für Milde, Sanftmut, Langmut, Barmherzigkeit und Brüderlichkeit.

Kasper, der sein weltweit beachtetes, in mehrere Sprachen übersetztes Buch "Barmherzigkeit" dem späteren Papst während des März-Konklaves 2013 zum Lesen gegeben hatte, erzählte von römischen Pfarreien, die seit der Wahl von Franziskus einen deutlichen Wiederanstieg beim Sakrament der Beichte verzeichnen. Außerdem hätten sich die Gottesdienstbesucher bei Papst-Messen sowie die Teilnehmerzahlen an den Mittwochaudienzen oder dem sonntäglichen Angelusgebet auf dem Petersplatz seit einem Jahr fast verdreifacht.

Während für Kasper der positive Stimmungsumschwung schon jetzt spürbar ist, ist nach seiner Einschätzung die angestrebte Kurienreform eine Sache von mindestens drei Jahren. Ein Zentrum zu haben, sei für die katholische Kirche zwar ein Geschenk, aber, so Kasper, Zentrum heiße nicht Zentralismus. Der sei von Übel, wenn er meine, alles in der Weltkirche müsse von Rom aus dirigiert werden.

Franziskus bedeute eine neue Chance für die Ökumene.Wenn er die synodalen Strukturen in der katholischen Kirche stärken wolle, stärke er auch Übereinstimmungen mit den evangelischen Kirchen und den Kirchen der Orthodoxie. Kasper forderte die evangelische Kirche in Deutschland dazu auf, bei der Vorbereitung auf das Luther-Jahr 2017 auf die katholische Kirche zuzukommen: "Die Initiative muss von der EKD ausgehen, wir sind bereit mitzutun."

(RP)