Karoline Menge und wie es ist, eine Autorin zu sein

Interview: „Der letzte Satz ist eine Erlösung“

Karoline Menge spricht über das Düstere in ihrem ersten Roman.

Mutig und beklemmend wird ihr Debüt genannt: „Warten auf Schnee“ (Frankfurter Verlagsanstalt, 20 Euro) ist eine spannende Dorfgeschichte, erzählt aus der Perspektive der 16-jährigen Pauli. Für dieses Buch wird die Berliner Autorin Karoline Menge am Samstag in Monheim mit dem mit 10.000 Euro dotierten Ulla-Hahn-Preis geehrt.

Sie hatten bislang nur Kurzgeschichten geschrieben – jetzt den ersten Roman. Hat sich damit Ihr Schreiben verändert?

Menge Der Roman hat erst einmal viel mehr Zeit in Anspruch genommen – insgesamt vier Jahre! Bei einer Kurzgeschichte schreibe ich generell ungeplant, spontan und verlasse mich eigentlich mehr auf den Ton und den Klang der Worte. Ich lasse mich dann selbst überraschen, wohin die Reise geht. Vieles entwickelt sich erst beim Schreiben. Beim Roman klappt das natürlich nicht. Über eine so lange Distanz ungeplant zu schreiben, ist enorm schwierig. Das war für mich eigentlich die größte Herausforderung.

Haben Sie denn für Ihren ersten Roman einen neuen Ton gefunden?

Menge Ja, wobei der Ton, den ich jetzt gefunden habe, mir sehr liegt.

Haben Sie literarische Vorbilder? Mir ist bei „Warten auf Schnee“ Marlen Haushofer eingefallen.

Menge „Die Wand“ ist für mich ein ganz wichtiges Buch. Weil ich Bücher sehr mag, in denen auf den ersten Blick nicht viel passiert und sie trotzdem einen Sog zum Weiterlesen entwickeln. Das ist etwas, das mich bei Marlen Haushofer fasziniert.

Bei Haushofer wie auch in Ihrem Roman existiert eine diffuse, aber permanente Bedrohungskulisse; eine Unheimlichkeit, die man nicht greifen kann.

Menge Das Unbestimmte trägt meine Geschichte. Dazu gehört auch die beschriebene Natur, die sich mit zunehmender Angst durch die Wahrnehmung der Erzählerin, der 16jährigen Pauli, verändert.

Ist „Warten auf Schnee“ ein finsteres Märchen?

Menge Man kann den Roman so bezeichnen, obwohl das von mir gar nicht so geplant war. Ich habe erst später beim Schreiben gemerkt, wie oft ich Märchenmotive verwendet habe. Und das passte zu dieser Szenerie ganz gut, weil ja auch Märchen von Urängsten wie Verlust und Bedrohung erzählen. Die kindliche Angst macht alles noch etwas düsterer.

Hat Ihnen das noch Studium Literarisches Schreiben in Hildesheim genützt? Oder beeinflusst es zu sehr?

Menge Ich glaube nicht. Es gibt viele Studenten, die später etwas ganz anderes machen, weil sie bemerken, dass dieses intensive Schreiben nichts für sie ist. Für mich war es zumindest eine Art Grundstein. Ich würde jedoch nie behaupten, dass man auf einer Schreibschule wirklich das Schreiben lernt. Ich lerne ja immer noch und werde wohl nie damit aufhören. Trotzdem bekommt man gelegentlich den etwas negativ konnotierten Schreibschul-Stempel aufgedrückt. Davon versuche ich mich ein bisschen zu lösen.

Wann haben Sie zum ersten Mal zu sich ehrlich gesagt: Ich bin eine Autorin?

Menge Tatsächlich hört sich das erst jetzt wahr an, seitdem der Roman erschienen ist. Vorher fand ich es schwierig so etwas zu sagen. Das hat auch mit Berlin zu tun, denn hier macht fast jeder etwas Kreatives und ist entweder Autor oder Drehbuchautor. Als Journalistin habe ich früher immer nur gesagt: Ich schreibe. Jetzt stimmt es, dass ich eine Autorin bin – es steht schließlich auch in meinem Verlagsvertrag!

Wissen Sie noch, wie der letzte Satz von „Warten auf Schnee“ heißt?

Menge ,Es schneit.‘ Aber es gab vorher zwei andere Enden. Nach der Hälfte der Arbeitszeit habe ich den Roman nämlich noch einmal in großen Teilen neu geschrieben.

War der Satz eine Erlösung?

Menge Ja. Und ich finde, dass man das dem letzten Satz auch noch anmerken kann. Den letzten Satz zu schreiben ist ein sehr schönes Gefühl; ein Kreis schließt sich.

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