Köln: Karin Beier verabschiedet sich mit den "Troerinnen" aus Köln

Köln : Karin Beier verabschiedet sich mit den "Troerinnen" aus Köln

Der Abgang der Intendantin ist für Köln bitter. Was hat Beier erfolgreich gemacht? Eine Analyse.

Einen der dunkelsten, brutalsten Stoffe der Theatergeschichte hat sich Karin Beier für den Abschied vorgenommen: "Die Troerinnen" nach Euripides und der existenzialistischen Fassung von Jean-Paul Sartre. Die Zuschauer blicken auf ein schwarzes Erdfeld. Einzelne Menschen hausen auf diesem postapokalyptischen Acker, lauter Frauen, denen nur die Kleider am Leib geblieben sind: wattierte dunkle Flüchtlingsmäntel, die vor einer Kälte schützen, die doch von innen kommt. Die Troerinnen haben alles verloren: ihre Männer, ihre Söhne, ihre Heimat. Ihnen bleibt die Klage – und die Angst, denn noch haben die siegreichen Griechen nicht entschieden, was mit den Frauen aus Troja geschehen soll. Ein Säugling wird noch gemordet werden, auch nach dem Krieg ist die Gewalt nicht ausgestanden – für die Verlierer.

Auf dem schwarzen Acker werden nun sieben Darstellerinnen des starken Kölner Ensembles einen Text in Handlung verwandeln, dessen Alter man bald vergessen wird, weil er von Existenziellem handelt. Und weil Karin Beier Stoffe so reduzieren kann, bis sie bloß und wahrhaftig auf der Bühne stehen, nur noch vom Wesentlichen handeln. Und das ist nur eine Stärke der Regisseurin Karin Beier, die im Sommer das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg übernehmen wird. In Köln führte sie den Zuschauern ihrer Heimatstadt noch einmal vor Augen, was sie verlieren: eine Regisseurin, die Theater macht, das man als notwendig empfindet, und eine Intendantin, die mit der Autorität ihrer eigenen künstlerischen Qualität spannende Kollegen an ihr Haus zog und den politischen Intriganten in ihrer Stadt die Stirn bot.

Dabei ist "Die Troerinnen" nicht einmal Beiers stärkste Inszenierung. Sie wagt darin nichts Radikales wie etwa in ihrer mitleidlosen Komödie "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen", in der sie soziales Elend im Wohntrailer ausstellte, die Schauspieler unhörbar blieben und doch alles sagten. Sie taucht nicht so tief in die Schichten des Stücks wie etwa in "Das goldene Vlies". Doch sie wendet ihre Theatermittel souverän an, als wolle sie bilanzieren, was ihr Theater ausmacht, bevor es an die Elbe geht.

Es ist wohl das Besondere an Karin Beiers Inszenierungen, das sie zugleich körperbetont und intellektuell sind. Die physische Kraft ihrer Theatersprache ist nie Selbstzweck, sondern aus den Texten geschöpft. Wenn ihre Darsteller rennen, schreien, aufeinander losgehen mit wahrem Furor, dann ist das erforderlich an dieser Stelle. So wie an der Oper das Unsagbare in Musik umschlägt, wird es bei Beier Bewegung, sichtbare Emotion. Das macht ihr Theater so intensiv, das sorgt auch dafür, dass man sich ihren Deutungen anvertraut. Man muss bei ihr nicht fürchten, mit Modischem, Aufgesetzem, Undurchdachtem abgespeist zu werden.

Dass selbst Regisseure von Beiers Niveau aufpassen müssen, sich nicht selbst zur Masche zu werden, zeigen die "Troerinnen" allerdings auch. Wenn Beier Masken einsetzt oder am Ende einen gewaltigen Chor sprechen lässt, dann sind das Mittel, die sie schon zwingender eingesetzt hat. Diesmal wirken sie ein wenig effekthascherisch. Sie verfehlen ihre Wirkung nicht, aber sie schälen sich nicht so notwendig aus dem Spiel wie in anderen ihrer Arbeiten. Denn das ist Beier auch: eine ungemein rhythmische und präzise Regisseurin, die ihre Mittel so steigert, dass der Zuschauer es nicht merkt. Und dann kann Theater diese Wirkung entfalten wie bei jenem Jelinek-Abend "Das Werk/ Im Bus/ Ein Sturz", bei dem Beier die Wut und das Entsetzen der Bürger nach dem Einsturz des Stadtarchivs artikulierte, ohne sie direkt zu formulieren. Plakativ ist sie nie, mutig oft gewesen.

Das musste Karin Beier auch als öffentliche Person im Kölner Kunstbetrieb sein. Sie hat sich den aberwitzigen Theater-Neubauplänen ihrer Stadtspitze widersetzt, hat auch gegenüber ihrem nicht immer umgänglichen Kollegen Uwe-Eric Laufenberg von der Oper Stärke bewiesen. Sie hat für ihren Etat gekämpft, und dann beschlossen, die Chance in Hamburg zu nutzen. Das große Deutsche Schauspielhaus hätte sie sicher auch ohne die Querelen in der Heimat gelockt. Doch Köln hat ihr die Entscheidung so leicht gemacht, dass der Abschied für das Publikum der Stadt nun bitter ist.

Welches Ansehen sich Beier in Köln erarbeitet hat, lässt sich auch daran ablesen, wer sie nach Hamburg begleitet. Starke Darsteller aus ihrem jetzigen Ensemble sind darunter, wie Lina Beckmann, die auch in den "Troerinnen" wieder diese Momente erspielt, die tief und wahr und bleibend erschüttern. Es kommen Leute wie Joachim Meyerhoff, Publikumsliebling an der Wiener Burg, Maria Schrader, die auch in Köln schon für Beier auf der Bühne stand und Regisseure wie Katie Mitchell, Christoph Marthaler, Sebastian Nübling.

In Hamburg wird Beier nun gleich zu Beginn ihrer Intendanz wieder mit Bau-Schwierigkeiten kämpfen müssen; Verzögerungen bei Sanierungsarbeiten im Theater gefährden ihre erste Spielzeit. Das ist bitter für Beier, doch sollte es ihr nichts anhaben. Sie kann sich auf ihr Können verlassen.

(RP)