Düsseldorf: Kardinal, Ärzte und ewiges Leben

Düsseldorf : Kardinal, Ärzte und ewiges Leben

Karl Lehmann hält eine philosophisch-theologische Vorlesung in Düsseldorf.

Der Geist der Medizin sei leicht zu fassen – schreibt der Jurist Goethe im "Faust". Wenn sich die Ärzteschaft, wie jetzt bei einem Vortragsabend mit Karl Kardinal Lehmann geschehen, den Horizont durch Philosophie und Theologie weiten lässt, erfährt ein jeder, ob Medikus oder nicht, Momente intellektueller Zurüstung.

Die Vorlesung, die der Mainzer Philosoph, Theologe, Bischof zum Gedenken an den 2011 verstorbenen Ärztepräsidenten Jörg-Dietrich Hoppe hielt, sollte nach den Worten von Rudolf Henke, Ärztekammerpräsident Nordrhein, den unterentwickelten Dialog zwischen Ärzten und Theologen fördern und die Janusköpfigkeit medizinischen Fortschritts thematisieren.

Lehmann bot seinen Zuhörern hohes Niveau. Die eigentlich vorgesehene Aussprache entfiel, weil man, so Henke unter Beifall des Auditoriums, "das erst einmal wirken lassen soll, was Sie uns, Herr Kardinal, geschenkt haben".

Es ging um die Menschheitsfrage "Ewiges Leben oder ewig leben". Dabei schoss vielleicht dem einen oder anderen die Sottise des unvergessenen Johannes Groß durch den Kopf, wonach ungezählte Menschen nach dem ewigen Leben dürsteten, obwohl sie bereits an einem einzigen Regensonntag nichts mit sich anfangen könnten.

Lehmann entwickelte seine Gedanken kapitelweise – beginnend beim Tod als sicherem Los aller Lebenden, über Formen der Krankheit, des modischen Gesundheitswahns nach muskelprotzender Ertüchtigung sowie "Wellness" bis hin zum doppelten Gesicht medizinischen "Fortschritts". Der trage mit der üblich gewordenen Anbetung technischer Machbarkeit nicht nur, aber auch menschheitsgefährdende Züge. Von den Träumen nach unbegrenztem Gesundbleiben als schierer Utopie war die Rede und auch von allerlei korrigierenden Eingriffen in den menschlichen Körper, einschließlich der gezielten Beeinflussung genetisch vorbestimmter Eigenschaften.

Gegenüber dem Tod, von dem wir bekanntlich mitten im Leben umfangen sind, gibt es laut Lehmann entweder titanisches Sichaufbäumen oder Schicksal-Ergebenheit. Der Tod sei besonders für den Menschen von heute schwer zu ertragen, weshalb Max Frischs Rat an Popularität gewinne: "Wir regeln den Eintritt ins Leben, es wird Zeit, dass wir auch den Austritt regeln."

Es verwunderte nicht, dass sich bei einem gottgläubigen Denker wie Lehmann der Vortragskreis theologisch, biblisch, tröstlich schloss – in der Gewissheit, dass der, der sich an sein irdisches Glück klammert, es umso rascher verliert; oder – religiös verheißungsvoll formuliert – , Seligkeit nur dann wirklich erreicht sei, wenn sie dem Menschen nicht mehr genommen werden kann. Das Neue Testament wisse um die radikale Verwandlung, die der Tod bedeutet, wisse auch, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, mithin uns Menschen – das lehren Tod und Auferstehung Jesu – nicht vernichten kann.

Wie spricht man denn nun vom ewigen Leben? Jedenfalls nicht so, als werde die irdische Existenz bloß woanders fortgesetzt. Lehmanns Schlussbemerkung: "Der Glaube ist der Mut des Widerspruchs zu allen Formen der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung."

(RP)
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