1. Kultur

Kaikhosru Shapurji Sorabji: „Sequentia cyclica super Dies irae“

Virtuose Komposition : Ein Klavierstück von acht Stunden Dauer

Heute beschäftigen wir uns mit einem englischen Komponisten, der unter Fachleuten eher gefürchtet als geliebt wird.

Klassik Es gibt Klaviermusik, die eher ein Fall fürs Olympische Komitee ist – weil in jedem Fall Rekorde purzeln und Wahnsinnsleistungen erbracht werden, für die zuvor unfassbare Übungseinheiten erforderlich waren. Man sollte nicht glauben, dass es hierbei nur um schnelle, akrobatische, schwer zu lesende, zyklopisch komplexe Stücke geht. Im Fall des englischen Komponisten Kaikhosru Shapurji Sorabji (1892 bis 1988) liegen die Dinge anders: Es sind die gewaltigen Dimensionen. Manches Stück dauert mehrere Stunden.

Dieses hier dauert acht: die „Sequentia cyclica super Dies irae“ aus dem Jahr 1948. Dieses Werk schien über Jahrzehnte eine unüberwindliche Barriere. Wer es einstudiert, begeht ein Selbstopfer. Jetzt hat der famose englische Pianist Jonathan Powell beim Label Piano Classics die erste Kompletteinspielung des Werkes auf sieben CDs vorgelegt. Im Jahr 2011 hatte er das Werk erstmals öffentlich gespielt, im Jahr 2002 hatte er mit der Vorbereitung begonnen. Sorabji, der Pianist, Komponist und Musikkritiker parsischer Herkunft, hatte stets nur drei, vier Pianisten zur Aufführung seiner Werke zugelassen. Mit Jonathan Powell wäre er rundum glücklich.

Wie klingt diese Musik? Wie aus dem Dschungel, wie vom Wühltisch, hemmungslos ausufernd, mit einer Kontrapunktik, die zum Teil über fünf Notensysteme reicht. Klanglich erinnert es an Alban Berg, an Sergej Rachmaninow, an Arvo Pärt, an Alexander Skrjabin – nur unmäßiger, apodiktischer und ausschweifender. Allerdings überraschen einen die Gestaltwechsel in den Variationen: von maximal dicken Akkorden hin zu zarter Poesie.

Powell ist für diese physische Leistung zu bewundern. Im Konzert soll er das Opus schon fünf Mal am Stück gespielt haben. Wir empfehlen Sorabji in kleinen Dosen, auch dann entfaltet er seine Kraft und seinen Sog.
Wolfram Goertz