Düsseldorf: Käßmanns Gastfreundschaft

Düsseldorf: Käßmanns Gastfreundschaft

In Deutschland gibt es eine neue Buchgattung: die Ausrufezeichen-Literatur. Seit Stéphane Hessel mit der Philippika "Empört Euch!" einen Welterfolg landete, bringen die Verlage in steter Regelmäßigkeit weitere Streitschriften heraus wie "Engagiert Euch!", "Vernetzt Euch!", "Beruhigt Euch!" – und jetzt mit ungewöhnlich langem Titel auch ein neues Werk von Margot Käßmann (53): "Vergesst die Gastfreundschaft nicht!"

Wobei der Inhalt brandneu kaum zu nennen ist: Über unseren Umgang mit Migranten hat sie schon vor einem Jahr bei ihrer Antrittsvorlesung an der Bochumer Uni gesprochen und hernach diesen Vortrag auf anderen Podien leicht abgewandelt wiederholt. Und jetzt ist es eine Streitschrift geworden, die aus dem gesprochenen Wort ein geschriebenes macht und es besser nachprüfbar werden lässt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Ihr Wunsch nach Integration ist zwar groß, die Kraft ihrer Argumentation aber gering. Klischees und viel Rhetorik durchziehen einen Text, der das Schicksal von Menschen mit Migrationshintergrund auch in biblische, historische Kontexte stellt.

Das kann nicht gutgehen: Was hat die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies bloß mit anderen Vertriebenen der Menschheitsgeschichte gemein? Haben die ebenfalls erwähnten Flüchtlinge aus Ostpreußen etwa einen Sündenfall begangen? Und sind jene, die sie damals vertrieben haben, dann auch mit Gottes Macht ausgestattet? Statt klarer Gedanken herrschen das gute Wort und schöne Beispiele – in den Begegnungen mit der jungen Türkin aus der Nachbarschaft, dem Jugendlichen aus dem Iran, der Frau aus Kamerun. Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat viele schöne Momente erleben dürfen, in denen sie sich nicht als Fremde fühlen musste. Und daraus folgen haufenweise Phrasen wie diese: "Wer Gäste auf- und annimmt, erlebt eine Horizonterweiterung, neue Impulse durch die Begegnung mit anderen." All das Schwammige aber schützt vor Widerlegung. Am Ende ist der Leser nur noch ratlos. Was bleibt, ist bestenfalls diese Erkenntnis: Margot Käßmann und Thilo Sarrazin werden wohl niemals Freunde.

(RP)
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