Köln: Justin Bieber – umstrittener Engel des Pop

Köln : Justin Bieber – umstrittener Engel des Pop

Zum Auftritt von Justin Bieber in der Kölner Lanxess Arena kamen 13 500 zumeist weibliche Fans. Viele erlebten an diesem Abend ihre popkulturelle Initiation. Man spürte die Verantwortung, die auf dem 19-jährigen Weltstar lastet.

Nach einer guten Stunde erlebt man den berührendsten Moment des Konzertes. Die Aufregung im Publikum hat sich gelegt, es wird geradezu still. Die Show da vorn geht weiter, der Lärm drückt unvermindert gegen die Trommelfelle, aber man nimmt ihn kaum noch als solchen wahr, eher als ein Rauschen, als Ur-Geräusch, beruhigend. Die Mädchen hüpfen nicht mehr, sie schauen, als seien sie in Trance; sie stehen da, ihre Blicke wenden sich nach innen. Man spürt, dass etwas passiert mit ihnen während dieser Sekunden der scheinbaren Selbstvergessenheit, die eine Selbstvergewisserung sein könnte: etwas Schönes. Womöglich wird ihnen bewusst, dass nun Wirklichkeit geworden ist, was sie sich über Monate erhofft haben. Sie sehen ihrem Traum bei der Erfüllung zu. Sie fühlen, wie sie ankommen am selbstgesteckten Ziel. Das muss angenehm sein, in jedem Fall ist es beneidenswert.

Justin Bieber aus Kanada tritt in der Kölner Lanxess-Arena auf, 13 500 sind gekommen, um den erfolgreichsten männlichen Popstar zu sehen. 55 Millionen Dollar nahm er allein im vergangenen Jahr ein, besser steht nur Lady Gaga da, und Bieber ist erst 19. Er ist seinen Fans einige Jahre voraus, die meisten im Zuschauerraum dürften 13 Jahre alt sein. Sie mussten ihre Eltern mitbringen, das ist vorgeschrieben; wer jünger ist als 16, darf nicht alleine zu solchen Veranstaltungen. Väter versammeln sich an den Pommes-Ausgabestellen vor den Türen des Saals. Sie klagen einander ihr Leid, "Mannohmann", und als es nichts mehr zu sagen gibt, holen sie die Handys heraus und tippen Mails.

Zu 87 Prozent ist die Anhängerschaft weiblich. Auf die Wangen haben sie sich "JB" geschrieben, sie heißen "Belieber", weil sie an einen Jungen glauben, der ein Mann sein will und ein Männchen ist. Er wurde entdeckt, weil seine alleinerziehende Mutter Filme bei Youtube hochlud — darin spielt er Schlagzeug wie ein Alter und singt wie Elvis. 2009 erschien die erste Single, 2011 wechselte er die Frisur. Jetzt ist er ein kleiner Gigant.

Ein Mädchen verteilt Papier-Herzen aus einer H&M-Tüte, es sind 200 Stück, alle selbst ausgeschnitten. Hochhalten solle man sie bitte beim Lied "Baby". Sie schaut, als gebe sie tatsächlich ein Stück ihres Herzens weg. Bieber ist pünktlich, am Tag zuvor in Dortmund hatte er die Fans zweieinhalb Stunden warten lassen, was vor allem deren Eltern empörte. Zehn Minuten vor Beginn lässt er einen Countdown auf der Videowand einblenden, und zu jeder vollen Minute kreischen die Mädchen. Das Geräusch tut weh, wie die Sirene eines Krankenwagens, und manche Eltern zerreißen Tempo-Taschentücher und stopfen sich die Fetzen in die Ohren. Bieber fliegt auf die Bühne, man hat ihm mächtige Flügel an den Rücken geschnallt, er sagt etwas oder singt, aber man versteht es nicht, das Publikum ist zu laut. Bieber werden die Flügel abgenommen, er tanzt, aber die tief sitzende Hose verhindert jeden Ausfallschritt. Er trägt eine Sonnenbrille, sie rutscht, er drückt sie sich unermüdlich mit golden behandschuhten Fingern an die Nasenwurzel. Man hört Bass und Beats.

Das Publikum erlebt seine popkulturelle Initiation, es ist ohne Argwohn. Jede Geste Biebers lässt sich einem Vorbild zuordnen, der Griff in den Schritt ist ein Michael-Jackson-Zitat, aber für die jungen Fans wirkt alles originell. So muss Bieber nur andeuten, das Sakko über die Schulter ziehen etwa, mit den Fingern ein Herz formen, schon hat er sie. Sie jubeln. Es ist wunderbar, diese Freude des Beginnens zu erleben.

Ein behindertes Mädchen weint die ersten 20 Minuten am Stück, es sitzt und heult, und die Mutter neben ihm sieht sich das an und lächelt, und irgendwann nimmt sie das Mädchen in den Arm und weint auch und lächelt dennoch. Eine andere Mutter schaut verstohlen auf ihren elfjährigen Sohn. Er steht neben ihr, verschränkt die Arme vor der Brust. Er will cool sein, aber manchmal durchfährt ihn Begeisterung, er macht dann eine Tanzbewegung. Die Mutter filmt ihn heimlich, auch sie schmunzelt.

Man spürt in diesem Moment die Verantwortung, die der Kerl da vorne trägt. Er ist der Engel, der Träume verwirklicht, eine männliche Fee. Früher gehörte den Superstars die Welt, Justin Bieber hingegen gehört der Welt. Deshalb darf er nicht gegen Fotografen pöbeln, kiffen und Kapuzineräffchen schlecht behandeln. Sein Ruhm ist geborgt. Und wenn er seine Fans enttäuscht, wird er fallen. Er macht eine hochwertige Show, Pyrotechnik, Fahrt im Kran und 16 Tänzer, aber das ist egal. Sein Business ist ein anderes: So groß sein, dass man zu ihm aufschauen und so stark sein, dass man sein Herz an ihn hängen kann. Das ist nicht wenig, sogar verdammt viel, und zumindest nach diesem Abend darf man sagen, dass man ihm seine Kinder durchaus anvertrauen kann.

Er sagt: "Glaubt an euch! Ich habe es geschafft, ihr könnt es auch." Er schaut ernst, ein alter Mann im Jungskörper. Man fühlt Zuneigung und wünscht ihm das Beste: Dass er seiner Mutter dereinst nicht vorwirft, das alles zugelassen zu haben.

(RP)