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Junges Schauspiel in Düsseldorf​: Wolken-Theater für die Allerkleinsten​

Junges Schauspiel in Düsseldorf : „Ab 2“ - Wolken-Theater für die Allerkleinsten

Das hat es am Düsseldorfer Schauspiel noch nicht gegeben: Theater für Kinder „ab 2“. Die so jungen Zuschauer feierten dann auch kräftig die Premiere von „Wenn Wolken wachsen“.

Das Junge Schauspiel feierte jetzt mit einem einzigen Stück gleich zwei Premieren. „Wenn Wolken wachsen“, frisch geschrieben und auf die Studiobühne gebracht von Emel Aydoğdu, wendet sich zum ersten Mal an die Allerkleinsten. Auf dem schmalen Programmheft mit eingeklebtem Apfelsamen-Tütchen steht lakonisch „ab 2“. Ein locker zu stemmendes Kleinkinderprogramm also, mit Liedchenträllern und Schweigefuchs, mit dem dominierenden Sound aus den Reihen des Publikums?

Von wegen. Die Vorbereitungen beschäftigten alle Beteiligten seit Wochen. Stefan Fischer-Fels, der künstlerische Leiter des Hauses, musste sich mit einer aufwändigen Kleinkind-Logistik herumschlagen. Bis hin zu dem eigentlich theaterfeindlichen Aufruf an Erwachsene und Kleine, den Raum während der Vorstellung nach Belieben zu verlassen und wieder zu kommen.

Die Dramaturgin Kirstin Hess rüstete sich und das Ensemble mit dem nötigen intellektuellen Ästhetik-Sprech. Vor allem aber übten die beiden Darstellerinnen Felicia Chin-Malenski und Yulia Yañez Schmidt, sich bei jeder Bühnenaktion auf Überraschungen gefasst zu machen. Ungestörten Spaß an der Sache hatte vermutlich nur die Ausstatterin Eva Lochner. Deren schöne Einfälle führten dann auch zu den meisten „Oh’s“ und „Ah’s“. Tatsächlich gab es für die Kleinen viel zu staunen, zu betasten, zu kommentieren.

  • Yulia Yáñez Schmidt (links) mit Felicia
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Zwei Wolken kommen auf die Erde und lassen sich in einem Garten nieder. Im Garten steht ein hohes Zelt, mit Volants nach allen Richtungen, herrlich zum Anfassen. Noch schöner waren die Kostüme der beiden Wolkenfrauen, mit viel weißem Tüll und üppigsten Rüschen, aber hier stoppte die Scheu die kleinen Kinderhände.

In der kurzen, sehr leicht verständlichen Handlung geht es um das Wachstum der Pflanzen, den Farbenreichtum der Natur und Ähnliches mehr. Auch Wolken fangen klein an, dann aber: „Wolken wollen wohltuend wachsen“. Ein Satz zum Nachsprechen wie auf der Schauspielschule das Lehrbuch „Der Kleine Hey“ die Übungen vorgibt. Fast jeder kennt „Barbara saß nah am Abhang“ oder „Unter dunklen Uferulmen“. Renner im Jungen Schauspiel waren indes die vier Zutaten des Pflanzenwachstums: „Sonne, Luft, Regen, Erde“.

Immer wieder ließen die beiden Wolken Yulia und Felicia die Allerkleinsten diese vier Worte nachsprechen, mit schnell wachsender Begeisterung, auch unter den Erwachsenen. Wo diese vielleicht gern nach der blauen Blume der Romantik gesucht hätten, erinnert sich Emel Aydoğdu an den Garten ihrer Großmutter und bringt die Mohnblume ins Spiel. Also nicht „Kornblumenblau“ sondern „Mohnblumenrot“.

Staunend lauschten die Vorschul-Öhrchen, als die Wolken ihnen die vielen Arten der Farbe Rot nannten, von „knallrot“ über „tomatenrot“ bis „Abendrot“. Ein riesiger Farbtupfer wurde vorstellbar, eine schöne bunte Welt. Als die Wolken dann im Abendrot ihren Abschied nahmen, folgte der lange Applaus. Der helle Hall von Kinderhändchen mischte sich mit dem satten Klatschen der Erwachsenen. Zusammen griffen alle zu, als Stefan Fischer-Fels im Foyer Apfelstücke zum Naschen anbot.

Wer sich über die Wirkung von Theater auf das früheste Kinderleben informieren möchte, findet reichlich Fachliteratur. Einig ist man sich wohl darin, dass die Kleinsten bereits komplexe Sinneseindrücke verarbeiten können. Der Frühpädagoge Hartmut Kasten schreibt: „Bei der Geburt verfügt unser Gehirn über 100 Milliarden Neuronen, das sind so viele Nervenzellen, wie unsere Milchstraße Sterne hat.“

Für Eingeweihte gab es mit „Wenn Wolken wachsen“ noch eine dritte Premiere zu feiern. Yulia Yañez Schmidt übernahm als neues Ensemblemitglied im Jungen Schauspiel ihre erste Rolle. Sie ist gleichzeitig die erste Absolventin des inklusiven Schauspielstudios in Wuppertal. Mit ihrer Beinprothese hatte sie nur dort eine Chance auf Ausbildung.

Seit 2019 zeigt die dem Wuppertaler Opernhaus angegliederte Institution, dass Menschen mit Handicap sehr wohl auf die professionellen Bühnen gehören. Im Fall von Yulia Yañez Schmidt wurde zwar während der Ausbildung Rücksicht auf ihre Behinderung genommen, sie selbst aber auch unabhängig davon als künftige Darstellerin gefördert und gefordert. Mit der aktuellen Premiere haben drei Jahre Ausbildung ihren erfolgreichen Abschluss gefunden.