Jüdischer Rapper Ben Salomo über Antisemitismus im Deutsch-Rap

Jüdischer Rapper Ben Salomo : „Ich habe schon früh Ausgrenzung erlebt“

Der jüdische Rapper Ben Salomo erhebt seine Stimme gegen Antisemitismus in Deutschland. Am Montag ist der Musiker, dessen Biografie soeben erschienen ist, zu Gast im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut.

Ben Salomo lernte in Berlin den HipHop lieben. Viele Jahre wirkte er erfolgreich in der Szene. Heute gilt er als Verräter, weil er den Antisemitismus der Deutsch-Rap-Szene anprangert.

Sie beklagen den Antisemitismus in der Deutsch-Rap-Szene. Wie reagiert Ihre Fanbase?

Salomo Die Anzahl meiner Follower auf Facebook ist gesunken. Mein Peak war bei 32.000, inzwischen bin ich bei 27.000. Es gibt viele ignorante Fans, die das, was ich anspreche, nicht interessiert oder die genervt sind. Und dann sind da diejenigen, die den Antisemitismus insgeheim befürworten oder ihn nicht wahrhaben wollen. Sie sehen in mir eine Art Whistleblower, einen Verräter, der die Kultur, die sie so sehr lieben, diffamiert. Manchmal habe ich den Eindruck, ich hätte mich nicht von der Rap-Szene abgewandt, sondern von Scientology, denn mich erreichen viele private Hassbotschaften, Drohungen und kollektive Verleumdungskampagnen in den sozialen Netzwerken.

Ihre Eltern kamen aus Israel nach Deutschland, da waren Sie vier Jahre alt. Seit damals ist Berlin Ihr Lebensmittelpunkt. Ist die Stadt, ist Deutschland noch ein sicheres Zuhause für einen Juden?

Salomo Naja, ich habe den Eindruck, dass die Entwicklung in Deutschland ähnlich pessimistisch zu betrachten ist wie in Frankreich, das immer mehr Juden verlassen. Das macht mir große Sorgen.

Was hat Sie als Jugendlicher am HipHop fasziniert?

Salomo Ich bin mit zwölf, 13 Jahren über Breakdance zum HipHop gekommen, ohne zu wissen, was Hip-Hop eigentlich ist. Breakdance fand ich als Bewegungssprache stark. Das machten damals viele. Als Jugendlicher ist man auf der Suche nach Zugehörigkeit. Ich hatte Ausgrenzung ja früh erlebt, weil ich Israeli bin. Dann kommt plötzlich eine Kultur daher, die sagt: Hey, wir sind multikulti und es ist egal, welche Sprache du zu Hause sprichst oder welche Religion du hast. Uns ist nur wichtig, ob du gut tanzen kannst, gut malst, ob du gut rappen kannst. Das war für mich wunderbar. Ich dachte: Wow, im HipHop kann ich frei sein und muss meine Identität nicht verleugnen. Es kommt nur auf meine Skills an.

Wann war dann das gute Gefühl weg?

Salomo Nach dem 11. September stellte ich fest, dass bestimmte Narrative, die ich als Kind und Jugendlicher kennengelernt hatte, in der Rap-Szene auftauchten. Verschwörungsmythen, antisemitische Ressentiments und Israel-Hass. Anfangs dachte ich, okay, das sind vielleicht Einzelfälle. Hart war aber, was ich beim Myfest 2006 in Berlin erlebte. Nach meinem Auftritt kam Deso Dogg, der später für den IS kämpfte, auf die Bühne, schwenkte eine Hisbollah-Fahne und das Publikum feierte ihn. Niemand schritt ein, auch die Veranstalter nicht. Da hatte ich die Nase voll und stieg aus der Rap-Szene aus.

Um ein paar Jahre später zurückzukehren.

Salomo Ja, durch einen Job in einer Firma, die HipHop-Mode vertrieb. Ich kam wieder mit der Szene in Berührung und belebte 2010 das Format „Rap am Mittwoch“ neu, ein Format, bei dem Künstler miteinander battlen. Ich wollte den Rap-Leuten aber auch zeigen, Juden sind ganz normale Menschen und keine Superreichen oder Dämonen. Aber je erfolgreicher meine Veranstaltung wurde, umso mehr wurde gegen mich antisemitisch gehetzt. Das hat mich unglücklich gemacht, ich fühlte mich jedoch wie gelähmt. Manchmal liegt zwischen dir und einem Holocaustleugner nur ein Bekannter. Und der ist mit beiden befreundet. Zu meiner Frau habe ich gesagt: Ich fühle mich wie ein Clown. Wenn ich auf die Bühne trete mache ich die Leute glücklich, obwohl es in mir drin ganz anders aussieht.

Sie sprechen offen vom Antisemitismus in der Rap-Szene.

Salomo Ich konnte dieses Unglücklichsein nicht an meiner Türschwelle ablegen. Als dann meine kleine Tochter ihre ersten Worte sprach und ich mich eigentlich hätte überschwänglich freuen müssen, dies jedoch nicht konnte, wusste ich: Du musst etwas ändern.

Und mit unschönen Folgen leben.

Salomo Als ich die Entscheidung Ende 2017 traf, habe ich diese Folgen noch nicht gesehen. Ich dachte, das ist meine private Entscheidung. Als es dann aber ein halbes Jahr später bei der Echo-Verleihung den Eklat mit Kollegah und Farid Bang gab, meldeten sich Journalisten bei mir und wollten meine Meinung dazu hören. Ich habe kein Blatt vor den Mund genommen und gesagt, dass ich die Deutsch-Rap-Szene in Teilen für ebenso antisemitisch halte wie den Rechtsrock. Daraus wurde dann ein Riesending.

Wie reagiert Ihre Familie?

Salomo Ich habe mich mit meiner Frau beraten, und wir waren uns einig, dass ich die Wahrheit aussprechen muss, sonst kann man nichts verändern. Die Rap-Szene ist ja nicht allein das Problem, sie spiegelt vielmehr die gesellschaftlichen Missstände wider.

Sie erhalten Drohungen. Haben Sie Angst?

Salomo Was heißt Angst? Ich hoffe, dass nichts passiert. Ich meide inzwischen Veranstaltungen, wo sich viele Leute der Rap-Szene treffen. Es ist aber beängstigend, wenn ich im Netz lese: ,Wenn wir dich erwischen, knüpfen wir dich auf.’ Es gibt auch Drohungen gegen meine Tochter.

Was sagen Ihre Eltern?

Salomo Ich werfe ihnen manchmal vor, dass sie Israel verlassen haben und nach Deutschland gegangen sind. Sie machen sich Sorgen, weil ich mich öffentlich positioniere. Meine Mutter sagt: „Versteck’ die Kette mit dem Davidstern.“ Andererseits wissen sie, dass sie mich nicht zu einem Menschen erzogen haben, der bereit ist, geduckt durch die Welt zu laufen. Ich kann mich mit Diskriminierung einfach nicht arrangieren.

Campino hat bei der Echo-Verleihung als einziger Stellung bezogen – und wurde dafür gebasht.

Salomo Ja, das war richtig und wichtig. Campino ist seit mehr als 30 Jahren im Geschäft und hat zig Fans. Aber die Tatsache, dass es ihm als Bühnenprofi nicht leichtgefallen ist, sich zu äußern, sagt alles. Er wusste, wen er kritisiert – die Deutsch-Rap-Szene. Also das zurzeit dominanteste Genre in der Musik, mit Millionen von Followern und Fans. Die sind natürlich sehr, sehr stark. Das weiß Campino und musste ahnen, dass er unglaublich viele Menschen gegen sich aufbringen wird. Trotzdem hat er es gemacht, und das finde ich unfassbar mutig.

Worum geht es bei Ihrem Besuch in Düsseldorf im Heinrich-Heine-Institut? Das wird ja keine Lesung.

Salomo Nein, es ist ein Gesprächsabend mit dem Historiker Roman Töppel und der Antisemitismus-Beauftragten des Landes NRW, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Ich bin als eine Art Experte für Antisemitismus-Erfahrungen eingeladen, mit den spezifischen Kenntnissen aus der Rap-Szene. Natürlich werde ich auch Erlebnisse aus meinem Buch schildern.

Zum Beispiel?

Salomo Ich war als Jugendlicher auf einer Party. Aus einer Gruppe türkischstämmiger Gäste fragte mich ein Junge: „Kennst du die jüdische Nationalhymne?“ Ich antwortete: „Es gibt nur eine israelische.“ Daraufhin holte er ein Feuerzeug hervor, drückte aufs Gas, ohne dass die Flamme emporschoss, hielt es mir unter die Nase und sagte: „Das ist die jüdische Nationalhymne.“

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