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Joseph Vilsmaier: „Herbstmilch“-Regisseur ist gestorben

Deutscher Regisseur : „Herbstmilch“-Regisseur Joseph Vilsmaier ist gestorben

Zu seinen großen Erfolgen gehören die Produktionen „Rama dama“ und „Comedian Harmonists“. Nun ist der Geschichtenerzähler 81-jährig in München gestorben.

In Filmen von Joseph Vilsmaier hat man gemerkt, wie schön das eigentlich ist, dazusitzen und etwas erzählt zu bekommen. Vilsmaier erzählte ganz ursprünglich, archaisch mitunter, und immer aus dem Bauch heraus. Er benötigte keine Effekte dafür, er vertraute einfach auf die Kraft seiner Geschichten, auf die Wirkmacht seiner Bilder.

„Herbstmilch“ war 1988 sein erster Kinofilm, und man kann sich gut vorstellen, was ihn an der Buchvorlage gereizt hat. Der 65 Jahre alten Bäuerin Anna Wimschneider war mit ihren Erinnerungen einer der größten Erfolge auf dem deutschen Buchmarkt gelungen. Binnen vier Wochen hatte sie den herben Text in zwei Schulhefte geschrieben. Sie erzählte von ihrem entbehrungsreichen Leben in Niederbayern. Mit acht arbeitete sie bereits dem Vater auf dem Hof zu, im Krieg führte sie den Hof des Mannes, der an der Front war. Vilsmaier besetzte seine Frau Dana Vávrová für die Hauptrolle, und gemeinsam erreichten sie mit ihrer emotionalen Erzählung über eine Frau, die trotz aller Mühen und Bedrängungen ihre Empathie und ihren Anstand nie verliert, zweieinhalb Millionen Zuschauer.

Vilsmaier war fasziniert von Schicksalen, sein Werk wimmelt von Menschen, die sich unter widrigen Umständen behaupten müssen wie die Messner-Brüder in „Nanga Parbat“. Er schlug sich dabei stets auf deren Seite, er hat immerzu für das Humane Partei ergriffen, für die Aufrichtigkeit, und genau das warfen ihm einige Kritiker vor, weil sie diesen Zug als falschen Hang zum Sentiment werteten. Vilsmaier hörte nicht darauf, er konnte nichts Schlimmes daran finden, als Filmemacher auch mal geistig-moralische Erbauungsarbeit zu leisten, und er drehte einfach weiter: „Schlafes Bruder“ wurde für den Oscar nominiert, „Comedian Harmonists“ wurde ein Kassenknüller. Immer tiefer drang Vilsmaier in die deutsche Geschichte vor, berichtete in „Rama dama“, „Stalingrad“ und „Die Gustloff“, wie unmenschlich es zuging.

Er war Münchner, dort wurde geboren, dort studierte er Musik mit dem Schwerpunkt Klavier, und dort jobbte er beim Film. Erste Engagements hatte er als Kameramann etwa beim „Tatort“. Am Set lernte er auch seine Frau kennen, und mit Ende 40 setzte er sich dann auf den Regiestuhl. „Sepp“ haben sie ihn genannt, und sicher werden sie seinen Namen oft an ein Seufzen gekoppelt haben. Ein Dickkopf war der Vilsmaier, als „humorigen Querkopf“ bezeichnete ihn Hape Kerkeling. Vilsmaier ließ sich nicht gerne reinreden, weswegen er bald seine eigene Produktionsfirma gründete.

Der Mensch in der Natur, das interessierte Vilsmaier, das Kleine inmitten des Erhabenen. Die Landschaft seiner Heimat diente dabei oft als Inspiration und Hintergrund, er hat sie auch in Dokumentarfilmen auf der Leinwand ausgebreitet, und logisch war eigentlich, dass er irgendwann Adalbert Stifter verfilmen würde. „Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird“, hatte der 1835 in seiner berühmten Vorrede zur Novellensammlung „Bunte Steine“ geschrieben. 2004 brachte Vilsmaier schließlich Stifters Erzählung „Bergkristall“ ins Kino, zwei Kinder im mächtigen Eis des Hochgebirges, und das alles am Heiligen Abend. Das war genau Vilsmaiers Sujet.

Zuletzt konnte sich Joseph Vilsmaier nur noch eingeschränkt bewegen. Bei den Dreharbeiten zu „Der letzte Zug“ war der Regieturm zusammengebrochen, auf dem er saß, dabei verletzte er sich. Seine Frau Dana Vávrová, mit der er drei Kinder hat, ist vor elf Jahren an Krebs gestorben. Dennoch drehte Vilsmaier immer weiter, erst im Januar stellte er „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ fertig, gemeinsam mit Bully Herbig.

Die für November geplante Premiere wird er nun nicht mehr erleben. Der Geschichtenerzähler Joseph Vilsmaier ist in München gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.