Johnny Depp verliebt in Puerto Rico

Johnny Depp verliebt in Puerto Rico

In "Rum Diary" spielt der 50-Jährige einen Reporter, der einen Immobilien-Hai auffliegen lassen möchte. Der Film wurde – wie "Fear And Loathing in Las Vegas" von 1998 – nach einem Roman von Hunter S. Thompson gedreht. Heimlicher Star der Produktion ist der Drehort.

Mit der schlafwandlerischen Sicherheit eines routinierten Trinkers gleitet der junge Reporter aus den USA in sein neues Leben auf Puerto Rico: von einem Strandhotel in eine abenteuerliche Bruchbude in der Altstadt von San Juan, von den abgenutzten Schreibtischen einer vom Bankrott bedrohten englischsprachigen Zeitung in fiebrige Hahnenkampf-Arenen und Kaschemmen. Lange Zeit wartet man darauf, ob dieses "Rum Diary" in ebenso verrückten Delirien explodieren wird wie einst "Fear And Loathing in Las Vegas" – der Roman von 1971 wie der Film von 1998.

Denn die Romanvorlage stammt in beiden Fällen von Hunter S. Thompson, dem Erfinder des mit Fakten und Fiktionen jonglierenden "Gonzo-Journalismus", und in beiden Filmen wird die Hauptrolle gespielt von Johnny Depp.

Aber der Roman "Rum Diary" ist ein Jugendwerk von Thompson, geschrieben um 1960, lange vor seinem Aufstieg zum Kultautor, und nie publiziert, bis sein Freund Johnny Depp – so geht die Sage – das Manuskript in Thompsons Keller fand, 1998 für seine Veröffentlichung sorgte und nach dem Tod des Freundes (2005) die Verfilmung vorbereitete. Anfang 2009 wurde "Rum Diary" auf Puerto Rico gedreht, aber erst drei Jahre später veröffentlicht, ohne Festival-Premieren. Johnny Depp und sein Team fürchteten wohl negative Vergleiche mit "Angst und Schrecken in Las Vegas".

Doch diese Furcht war unnötig, denn dafür sind die Filme zu verschieden. In "Angst und Schrecken" ließ Terry Gilliam, der Regie-Exzentriker, die Delirien von "bewusstseinserweiternden" Drogen-Cocktails in einem hektischen Feuerwerk bizarrer Effekte aufgehen. In "Rum Diary" dagegen rutscht der Held, entrückt in seinem gleichmäßig hohen Alkoholpegel, durch eine gläsern leuchtende, aber kaum wahrgenommene Wirklichkeit. Drehbuch und Regie übernahm der Engländer Bruce Robinson, dessen "Withnail And I" (1987) als Meisterwerk im Porträtieren von Alkoholikern gerühmt wird.

Zum Auftakt mustert Johnny Depp als Kemp, der desillusionierte Reporter, seine verkaterten Augen in einem Spiegel. Dann verbirgt er sie hinter einer dunklen Brille und absolviert mit maskenstarrem Gesicht alle Attraktionen der Insel – der Kameramann Dariusz Wolski feiert die Kontraste von Puerto Rico, diesem überraschend selten genutzten Drehort, mit einer Fülle eindrucksvoller, manchmal fast zu sehr in ihre Effekte verliebter Bilder. Mit unerschütterlicher Wurstigkeit lässt sich Kemp von einem kundigen Kollegen in die dunkelsten Winkel der Insel-Hauptstadt einführen, und ebenso lässig lässt er sich von einem Mephisto umgarnen: Aaron Eckhart verkörpert diesen Immobilien-Spekulanten Sanderson mit dem Charme eines ebenso jovialen wie skrupellosen Lebemanns. Er will Reporter Kemp als Herold für sein Projekt gewinnen, eine ganze Nachbarinsel mit Hotels zu bebauen und die lästigen Einheimischen zu vertreiben.

Kemp scheint sich kaum für das Angebot von Geld und Macht zu interessieren, und er erwacht erst, als er in der Strandvilla Sandersons, vor dem Panorama von Meeresbläue und weißem Strand, den luxuriösesten Besitz des Verführers erblickt: die Mätresse Chenault. Auch diese blonde Traumfrau bleibt zunächst nur ein klassisches Requisit in der Schilderung einer subtropischen Kolonie, in der hässliche Amerikaner lärmenden Urlaub, reiche Amerikaner skrupellose Geschäfte machen und verachtete Einheimische manchmal für brutale Überraschungen sorgen, etwa in Gestalt korrupter Polizisten.

Bis dahin erinnert "Rum Diary" an einen der Tropen-Romane von Graham Greene, in denen vor lauter Milieuschilderung eine "Handlung" entbehrlich wirkt. Aber dann schüttelt den frisch verliebten Kemp jählings moralische Empörung über die Geschäftemacher – so sehr, dass ihn sogar seine verlotterten Sauf-Kumpane bei dem Versuch unterstützen, die Enthüllung der Machenschaften zu veröffentlichen. Auf dem Weg zu dieser Läuterung gibt es ein hübsches Zwischenspiel: Ein Ex-Journalist überredet den Helden zu einem Drogen-Experiment, das die Realität genau so phantastisch entstellt wie bei Gonzo in "Angst und Schrecken in Las Vegas". llll

(RP)
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