Johanna Wokalek spielt im "Macbeth" von Pina Bausch

Film-Star in Tanzstück :  Johanna Wokalek in „Macbeth“

Die Schauspielerin ist in der Rekonstruktion der legendären Adaption des Shakespeare-Stoffes durch Pina Bausch zu erleben. Spielort ist das Opernhaus Wuppertal.

Bei der Premiere von Pina Bauschs „Macbeth“-Fassung in Bochum 1978 wäre es fast zum Eklat gekommen. Das Publikum hatte eine klassische Inszenierung erwartet. Als jedoch am Anfang des Stücks quälend lange nichts passierte, außer dass die Tänzer am Boden liegen und sich im albtraum-geplagten Schlaf wälzen, wurde es im Zuschauerraum unruhig. Besucher verließen laut zeternd den Saal, Buhrufe ertönten. Die Tänzerin Josephine Ann Endicott fasste sich daraufhin ein Herz, stand auf und rief ins Publikum: „Wenn ihr das nicht sehen wollt, dann geht doch nach Hause und lasst uns arbeiten.“ Sie ging von der Bühne ab, und als sie wieder auftrat, bekam sie Applaus, dann herrschte Ruhe, und die Vorstellung wurde fortgesetzt.

Heute ist die 69-jährige Tänzerin stolz auf ihren Mut von damals: „Das war so ziemlich das Schlimmste, was ich in einer Aufführung in dieser Hinsicht erlebt habe. Es war skandalös!“ Endicott leitet nun die Proben zur Wiederaufnahme des 41 Jahre alten Stücks mit dem langen Titel „Er nimmt sie an die Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen“, der sich einer Regieanweisung Shakespeares entlehnt.

Ihre Idee war es, eine der Schauspielrollen prominent zu besetzen: mit Johanna Wokalek. Die als „Die Päpstin“ im Film von Sönke Wortmann bekannt gewordene Schauspielerin übernimmt den Part von Mechthild Großmann. Keine leichte Aufgabe, prägte die Schauspielerin mit der tiefen Stimme doch 40 Jahre lang viele Stücke des Tanztheaters Wuppertal. 2017 verließ sie die Compagnie und widmet sich nun verstärkt ihren Fernsehrollen.

Johanna Wokalek nimmt das große Erbe gelassen und macht ihr eigenes Ding daraus: „Mechthild Großmann und ich sind sehr verschieden. Aber darum geht es auch gar nicht. Sondern wir wollen jetzt, alle gemeinsam, diesen wunderbaren Macbeth wieder neu zum Leben erwecken. Damit dieses tolle Stück wieder für das jetzige Publikum sicht- und erlebbar wird. Das ist finde ich großartig.“ Sie müsse nun Bewegungen und Ausdruck zu ihren eigenen machen. „Ich muss es selbst spüren, das ist immer der Weg für mich, wie ich mir auf der Bühne eine Rolle erarbeite“, sagt die 44-jährige Schauspielerin, die bis 2016 am Wiener Burgtheater engagiert war und nun hauptsächlich in Paris lebt.

Ein weiterer Kollege von der Wiener Burg sitzt mit hinter dem Regiepult: Hans Dieter Knebel. Der Schauspieler wirkte in der Urfassung von Pina Bausch mit und begleitet nun die Proben. „Er kann sich noch gut erinnern und hilft uns, das Stück zu rekonstruieren“, sagt Johanna Wokalek über ihn. Zuletzt war die „Macbeth“-Adaption 1988 zu sehen. Von beiden Fassungen gibt es Videoaufzeichnungen, anhand derer die Neufassung nun rekonstruiert wird. Ein weiterer Schauspieler wurde zu den insgesamt elf Tänzern, die teils in Doppelbesetzung mitwirken, hinzu engagiert: Maik Solbach, an den sich viele aus seiner Zeit am Düsseldorfer (unter Anna Badora) und Kölner Schauspiel (unter Karin Beier) erinnern.

Mit Knebel hatte Wokalek bereits zu gemeinsamen Wiener Zeiten über Pina Bausch und seine Erfahrungen mit der Choreografin gesprochen. Ihre Arbeit habe sie immer interessiert, sagt die Schauspielerin, die bereits mit Til Schweiger den Film „Barfuß“ in Wuppertal gedreht hatte. „Es wäre ein Traum für mich gewesen, ihr einmal zu begegnen“, sagt sie. Als dann das Angebot des Tanztheaters kam, habe sie gedacht: „Herrlich!“ So könne sie endlich mal mit Tänzern arbeiten und sich mit Neuem ausprobieren.

Bei der anschließenden Probe reiht sie sich perfekt ein in das Ensemble. Mit Trägertop, langem Rock und hohen Schuhen, die Haare zurück gesteckt, sieht die Schauspielerin aus, als gehöre sie schon immer dazu. Geprobt wird in der Lichtburg, jenem 50er Jahre Kino, das Pina Bauschs Ensemble als Probenort dient. Der lindgrüne Stoff an den Wänden hängt zwar teilweise schon in Fetzen herunter, ein paar Birnen in den alten Lampen flackern, aber der Ort verströmt immer noch seine unverwechselbare Aura. „Obwohl Pina nicht mehr da ist – man kann sie hier spüren“, sagt Jo Ann Endicott.

Es herrscht kreative Unruhe im Raum. Heute probt das Ensemble eine der für Pina Bausch typischen Reihen. 14 Mal laufen die Tänzer in der Diagonalen schnell zu Musik über die Bühne, dabei kommen in jeder Reihe vier bis fünf typische Gesten zum Ausdruck, mal sind sie verlegen, dann nervös, dann verliebt etc. Schon damals hat Pina Bausch angefangen, sich über Fragen dem Thema eines Stücks zu nähern und die Antworten und Ideen der Tänzer zu Szenen zu verdichten.

Immer wieder muss Wokalek sich Notizen machen. Dann wieder gruppieren sich alle um den Fernseher und gucken die Szene in der alten Aufzeichnung. Hat Mechthild Großmann ins Publikum geblickt bei dieser Geste? Hat sie erst die Arme gehoben und dann den Rockzipfel gepackt? Auf Details kommt es bei einer solchen Rekonstruktion eines Stücks Tanzgeschichte an. So sorgt das Ensemble dafür, dass das Erbe von Pina Bausch lebendig bleibt – auch zehn Jahre nach deren Tod. Jo Ann Endicott: „Ich investiere alles für das Stück. Ich gebe meine Liebe mit hinein und gebe alles auch für Pina immer getan habe.“ Sie habe Jahre gebraucht, so Endicott, um Pina Bauschs Tod zu verkraften. „Ohne sie wäre ich nicht das geworden, was ich heute bin.“

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