Johann Baptist Metz, der Münsteraner Theologe, ist im Alter von 91 Jahren verstorben

Münster : Mystiker mit offenen Augen

Mit 91 Jahren ist einer der einflussreichsten katholischen Theologen gestorben: der Münsteraner Johann Baptist Metz.

Deutschland ist immer reich an bedeutenden Theologen gewesen. Einer ihrer weltweit einflussreichsten aber ist ausgerechnet einer der leiseren unter den christlichen Denkern gewesen: Johann Baptist Metz. Im Alter von 91 Jahren ist er jetzt in Münster gestorben. Drei Jahrzehnte hat er dort gelehrt und bis zuletzt dort gelebt.

Metz ist nicht deshalb so einflussreich gewesen, weil er es unbedingt wollte. Er übte Einfluss aus, weil er es aus seinem theologischen Verständnis heraus gar nicht anders konnte. Für ihn hatte christliches Leben mit Hinschauen, nicht allein mit Verinnerlichung zu tun, mit Engagement und Anteilnahme als Ausdruck eines Mitfühlens. Er war ein Mystiker mit offenen Augen.

Metz - Schüler des großen Jesuiten Karl Rahner - mischte sich also ein. Weil Kirche seinem Verständnis nach aus gereifter Überzeugung Teil dieser Welt ist und auf der Seite der Leidenden, der Opfer zu stehen hat. Das war in den 1960- und 70er Jahren vor allem die Bewegung der Befreiungstheologie in Lateinamerika.

Metz wurde theologischer Vordenker und Pate für all jene Priester, die sich gegen die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit der Despoten dieser Länder zur Wehr setzten. Wollte Kirche bei den Menschen sein und das Evangelium ernstnehmen, musste sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Der linken und von Rom gemaßregelten Kirche Südamerikas lieferte Metz das theologische Rüstzeug für ihr Tun. Und diese dankte es ihm noch viele Jahre später: Die Festrede zu seinem 80. Geburtstag hielt der brasilianische Befreiungstheologe Paulo Suess.

Kirche war für Metz kein Monolith. Sie ist etwas Bewegtes und Bewegendes, keine Institution im statischen Sinne, sondern eine Gemeinschaft der permanenten Prüfung. Vielleicht hat die Kirche zu lange und zu selbstgewiss versucht, nur Antworten zu geben und dabei die Suche nach Gott als etwas Gegebenes verbucht.

Fragen verstand Metz hingegen nicht als Zeichen von Unsicherheit; sie dokumentierten Lebendigkeit und Interesse. Fragen ist in seinem Sinne auch immer der Impuls jeder theologischen Suche gewesen, die nie an ein Ende kommen darf, erst recht nicht in einer Gesellschaft der religionsfreundlichen Gottlosigkeit, wie er es nannte. „Wir haben dem Wort Gott noch längst nicht alles abgerungen“, sagte er uns. „Und gänzlich ohne dieses Wort zu leben, hat allemal in Katastrophen geführt.“ Niemand wird ohne Grund so, wie er ist. Und auch Johann Baptist Metz hat Schlüsselerlebnisse, die seinen Blick auf Welt und Menschheit schärften. Zu den frühestens Begebenheiten dieser Qualität zählten seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Wie er als gerade 16-Jähriger den Tod vieler Kameraden miterleben musste. „Ich erinnere nichts als einen lautlosen Schrei“, hat er später darüber geschrieben. Wie aber ist der Glaube an Gott nach solchen Menschheitskatastrophen überhaupt noch möglich? Nach all dem Sterben, vor allem: nach Auschwitz? Darauf Metz mit der Gegenfrage geantwortet: „Wenn es für uns keinen Gott in Auschwitz gibt, wie soll es ihn dann für uns anderswo geben?“

Johann Baptist Metz war praktisch immer dort, wo die katholische Kirche Anstalten zu Erneuerungen machte. Natürlich gehörte dazu das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) sowie der nationalen Nachgang in Deutschland, die Würzburger Synode von 1971 bis 75. All das ermunterte damals zu großen Hoffnungen auf eine Öffnung der Kirche, deren Zukunft er nicht im spirituellen Fundamentalismus sah. „Der Weg in die Minderheit einer kleinen Herde ist schon durch das kirchliche Gottesverständnis keine Alternative“, sagte er uns. Gott geht alle an. „Gott ist ein Menschheitsthema - oder überhaupt kein Thema.“

Viele Freunde macht man sich innerkirchlich mit unbequemen Fragen freilich nicht. Argwöhnisch verfolgte das Denken und Treiben des Münsteraners Kardinal Joseph Ratzinger. Dieser war 1979 Erzbischof von München und verhinderte, dass der Denker aus dem Westfälischen an die katholische Fakultät der bayerischen Landeshauptstadt berufen wurde und dort sein reformfreudiges Wesen treiben durfte.

Mit dem Synodalen Weg begibt sich die katholische Kirche in Deutschland gerade in diesen Zeiten erneut auf Reformsuche. Wie hilfreich wäre dabei einer wie Johann Baptist Metz gewesen - auch deshalb, weil ein Theologe mit seinen Fragen an uns zu allen Zeiten gebraucht würde.