Joe Cocker ist tot: Raue Stimme, ehrliche Haut

Zum Tode von Joe Cocker : Raue Stimme, ehrliche Haut

Der britische Rocksänger Joe Cocker ist tot. Der Musiker starb im Alter von 70 Jahren, wie sein Agent am Montag mitteilte. Cocker litt an Lungenkrebs. Der Sänger stand für Inbrunst, Ehrlichkeit und Unverwüstlichkeit. Eine Würdigung.

Die große Welt des Liedes hat nun innerhalb von wenigen Stunden ihren zweiten famosen Sänger verloren. Zwischen Udo Jürgens und Joe Cocker, der im Alter von 70 Jahren seiner Lungenkrebs-Erkrankung erlag, lagen natürlich Welten oder zumindest der Ärmelkanal, aber beide besaßen drei Tugenden der Liedermacherei, die viele nicht mal ansatzweise erreichten: Inbrunst, Ehrlichkeit und Unverwüstlichkeit.

Obwohl man es kommen sah, ist es ein verdammt großes Loch, dass durch Cockers Tod entstanden ist. Immer dachte man von ihm, jetzt rafft es ihn weg, gleich liegt er selbst in dieser Grube, über Jahre wirkte er grenzwertig in seiner gesundheitlichen Verfassung, aber wie ein Stehaufmännchen und nicht nur mit einer kleinen Hilfe seiner Freunde war Cocker immer wieder da. Stets sah er danach noch ein bisschen mitgenommener aus, aber er besaß die vierte Tugend: die Selbstreanimation. Cocker gesundete durch das Singen. Er sang sich die Krankheiten aus dem Leib, mit seinen ekstatischen Armbewegungen ruderte er weg von ihnen; er ließ die Luftgitarren gegen sie anstürmen — nur beim Krebs gelang das nicht.

Ein Mensch von unten

Cocker merkte man an, dass er ein Mensch von unten war, der sich mit Fortüne nach oben singen musste. Das war nicht leicht, denn er war ein einfacher Installateur, und es gab ein paar windige Promis in der Branche, die ihn das gelegentlich spüren ließen. Allerdings hatte er schon als Halbwüchsiger Musik gemacht, mit einer Band namens Vance Arnold and the Avengers, und alle Leute wussten fortan, dass mit Cocker zu rechnen war — der junge Mann hatte immerhin schon mal einen Künstlernamen.

Die Karriereleiter für Joe Cocker war steil an die Wand gestellt, aber er schaffte schon die erste Sprosse genial: Früh sang er mit höchster Intensität das Beatles-Remake "With a Little Help from My Friends" und machte riesigen Eindruck beim Woodstock-Festival. Man fragte sich aber schon damals immer, wie er seinen Installateursladen geführt hat, denn als Geschäftsmann war Cocker eine Niete. Von Verträgen verstand er nichts, und es gab einige Leute in seinem Dunstkreis, die das ganz fies ausnutzten. Egal, Cocker wollte vor allem eins: singen. Und nie hat er die Pubs seiner Heimatstadt Sheffield aus seiner Stimme herausbefördert, er wollte es auch gar nicht. Seine Stimme war und blieb ein Rauchfang, man hörte ihr die vielen Zigaretten natürlich an.

"Up Where We Belong"

Wenn es neben den Mega-Hits "Unchain My Heart", "When The Night Comes" oder dem unvergesslichen Duett mit Jennifer Warnes "Up Where We Belong" einen Song gab, bei dem Joe Cocker mit Haut und immer weniger Haaren nie jemand anderer war als Joe Cocker, dann in "You Are So Beautiful".

Da stand also dieser Anti-Schönling mit dem Reibeisen im Hals und versuchte sich erst gar nicht an der gefällig gesungenen Melodie, sondern er fräste jeden einzelnen Ton dieser Liebeserklärung ans Firmament, er schob von unten nach, was nicht oben bleiben wollte, das Lied war die schönste Quälerei, die je für eine kostbare Frau unternommen wurde. Zugleich ist es unmöglich, diesem Song nicht endlos nachzuhängen, denn das Brennende, das immer zu Cockers Musizieren zählte, schlägt meterhohe Funken aus der Glut der Zuneigung.

In den vergangenen Jahren lebte Cocker mit seiner Frau auf einer abgelegenen Ranch im US-amerikanischen Colorado. Er hatte die ganzen Eskapaden des Lebens endgültig satt, die Drogenprobleme, die psychische Wankelmütigkeit, unter der er selbst am meisten litt; auch verdross ihn die Abhängigkeit von windigen Agenten. So viel Prinzipienfestigkeit musste belohnt werden; 2007 ernannte Königin Elisabeth II. den darüber leicht verwunderten Joe Cocker zum "Officer of the Order of the British Empire".

2013 erhielt er die Goldene Kamera für sein Lebenswerk. Er selbst betrachtete es längst nicht als abgeschlossen und machte unverdrossen Pläne für ein neues Album, das 2015 auf den Markt kommen sollte. In solchen Momenten ahnte man: Da will einer noch einmal gegen seinen Krebs kämpfen und öffnet das Visier, um den Feind zu identifizieren. Leider hat es nicht geklappt.

Eigentlich war bei Cocker alles sehr geerdet, er konnte kein Instrument, er konnte keine Noten. Wie gesagt, er spielte Luftgitarre. Aber aus diesem Nichts machte er das Allergrößte. Es erfüllte uns auch deshalb so wunderbar, weil Cocker — letzte Tugend — immer einer aus dem Pub und von den kleinen Leuten blieb. Als er einmal in einem Film auftrat (in "Across the Universe"), musste man sehr genau hinsehen, um in diesen Nebenrollen Cocker zu erkennen. Er hätte sich am liebsten verkleidet.

Sein Agent Barrie Marshall sagte der BBC, Cocker sei "einfach einmalig" gewesen. Es sei unmöglich, den Platz zu füllen, den er in den Herzen hinterlasse. "Er war ohne Zweifel die größte Rock- und Soulstimme, die Großbritannien je hervorbrachte."

Cocker war einer von den Guten. Marshall hatte recht.

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