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Joachim Kardinal Meisners Autobiografie jetzt erschienen

Joachim Kardinal Meisner : Der Unbeirrbare

Drei Jahre nach seinem Tod erscheint Joachim Kardinal Meisners Autobiografie. Sie erzählt von Jugend, Positionen und Gegnern.

Ein paar Seiten vor Schluss taucht dieser kleine Satz in der Autobiografie von Joachim Kardinal Meisner auf: „Zu meinem Bedauern muss ich gestehen, dass ich mich in Rom nicht auskenne.“ Das klingt wie eine kleine Pointe, doch diese Randbemerkung erzählt viel über den einstigen Kölner Erzbischof. Dass er die Ewige Stadt als Arbeitsplatz begriff und seine vielen Besuche dort auf die Termine beschränkte, denn „schließlich gab es auch zu Hause genug zu tun“. Arbeitseifer und Pflicht sprechen aus diesen Worten, aber auch die Engführung seines Blicks auf das, was ihm wichtig, wesentlich erschien.

Doch zunächst wird man sich über die Neuerscheinung überhaupt wundern dürfen. Fast auf den Tag vor drei Jahren starb der Kölner Kardinal: am 5. Juli 2017 83-jährig in seinem Urlaubsort Bad Füssing, beim Morgengebet. Das Brevier, in dem er gelesen hatte, soll ihm vom Schoß geglitten sein. Vor diesem Hintergrund ist die Publikationsgeschichte des Buches eine bemerkenswerte: Zwei Jahre vor seinem Tod hatte sich Meisner mit der Kölner Journalistin Gudrun Schmidt zusammengesetzt, um ihr von seinem Leben zu erzählen. Ohne jeden Notizzettel und manchmal nicht der Chronologie folgend. Gudrun Schmidt brachte das mündlich Überlieferte in eine Form und ließ es den Kardinal Korrektur lesen. Das war zwei Monate vor seinem Tod. Und dann? „Machen Sie damit, was sie wollen“, soll er Gudrun Schmidt gesagt haben. Nur zu Lebzeiten wollte er die Autobiografie nicht veröffentlicht haben. Dies war dann die Aufgabe des Testamentsvollstreckers Monsignore Markus Bosbach.

Natürlich steigert eine solche Prozedur die Neugierde, noch dazu wenn die Lebenserinnerungen unter den Titel gestellt werden: „Wer sich anpasst, kann gleich einpacken“. Wer dahinter aber die große, zu Lebzeiten noch ausgesparte Abrechnung mit Widersachern und Zeitgeist zu finden glaubt, wird enttäuscht werden. In sehr großen Teilen ist es ein Lebensbericht mit einer zum Teil überbordenen Detailfreude. Aber auch das ist interessant, welchen großen Raum Kindheit, Jugend und Berufung einnehmen. Das Aufwachsen in Schlesien, die dramatische und lebensgefährliche Flucht im Januar 1945 nach Thüringen, die Priesterweihe, die verschiedenen Bischofsämter.

Die Welt im sozialistischen Staat war für einen Kirchenmann keine erbauliche, aber sie war eine berechenbare. In diesem Umfeld der Ablehnung schien Meisner zu wachsen und seinen Glauben noch zu stärken. Es klingt beinahe nach einem Loblied, wenn er erzählt: „Ich erlebte schwierige und auch oft entbehrungsreiche Zeiten im ,real­existierenden Sozialismus’. Aber im Gegensatz zu heute empfand ich die Situation klarer, manchmal sogar leichter. Wir wussten, wie die Positionen sind. Wir wurden belogen, man wollte uns einstecken, aber das ist ihnen nicht gelungen, weil unsere Haltung klar war.“ Meisner war und blieb unbestechlich. Er weihte heimlich Priester aus Tschechien nachts in einer Berliner Hauskapelle, die so klein war, dass die Kapellentür offen bleiben musste, dann lagen die Anwärter mit ihren Füßen draußen. Berühmt wurde auch Meisners Ansprache auf dem Katholikentreffen 1987 in Dresden, bei dem er vor Tausenden von Menschen unter großem Beifall erklärte: „Wir wollen in diesem herrlichen Land keinem anderen Stern folgen als dem von Bethlehem.“

In Köln wurde vieles anders. 1988 wünschte sich Johannes Paul II. Meisner als Nachfolger des verstorbenen Kardinal Höffner. Das Domkapitel musste mehrfach abstimmen, um Roms Wunschkandidaten ins Amt zu bringen. Und die Berichte über seine Wahl in den Zeitunen waren für ihn wenig schmeichelhaft, wie er sich erinnert. Dabei hatten Papst Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger für die Bekanntgabe der umstrittenen Personalie wenige Tage vor dem Weihnachtsfest gewählt, da man hoffte, dass die Zeitungen dann mit anderen Themen beschäftigt wären, wie es Meisner erzählt.

Mit der Zeit arrangierten sich die Kölner halbwegs mit dem Kardinal und der Kardinal mit Köln. Zumal es noch andere „Gegner“ gab – etwa die Bischofskonferenz. An ihr vorbei hatte Meisner einen Brief nach Rom geschickt, um den Ausstieg der katholischen Kirche aus der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung zu erwirken. Mit Erfolg. Und so wurde Meisner von Bischofskollegen „drastisch beschimpft“. „Verziehen hat man mir das wohl nie“, sagt er. Bedauert hat er seinen Alleingang bis zuletzt nicht, im Gegenteil. Im Buch brandmarkt er „manche Bischöfe als Anpasser, weil sie Angst vor den Meiden haben“ und einflussreich seien. Diese „falsche Ängstlichkeit“ aber raube der Kirche das Mark. Die Passagen bleiben im Buch auffällig namenlos, doch zwischen den Zeilen scheint der Name von Kardinal Lehmann (1936-2018) hervor. Auch gegen Angela Merkel agierte Meisner erfolgreich, die der damalige Kanzler Helmut Kohl zur Familienministerin machen wollte. Eine Geschiedene, die in wilder Ehe mit einem Geschiedenen zusammenlebte? Meisner war fassungslos – und siegte. Kohl machte Merkel zur Umweltministerin.

Irgendwann, mit den Erinnerungen an den Weltjugendtag in Köln, bricht das Buch nach gut 250 Seiten ab. Jetzt sei genug, habe er der Journalistin Gudrun Schmidt gesagt. Alles schien erzählt, aus seiner Sicht.